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Die Freiheit des Dichters
zu Jacques Roubaud
von Jürgen Ritte


Zwei Dinge spielen im Leben des Jacques Roubaud eine besondere Rolle: die Zahlen – und die Provence. Zunächst die Zahlen: Sie sicherten dem 1912 in Caluire bei Lyon geborenen Autor über Jahrzehnte ein Auskommen als Mathematiker und Hochschullehrer an der Universität von Paris-Nanterre. Seit Anfang der 90er Jahre ist Roubaud Professor für "Formale Poetik" an der Pariser Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Etwas komplexer gestaltet sich Roubauds Ver-hältnis zur Provence, der Provence des Mittelalters, dem Land der Troubadours, die vor 900 Jahren in der "langue d’oc", in der Sprache Okzitaniens, die Liebe und die Lyrik neu erfanden. Der Dichtkunst der Troubadours gilt Jacques Roubauds gelehrtes Interesse. Zahlreiche Bücher, An-thologien und Artikel aus seiner Feder belegen es.
Der Mathematiker ist Spezialist für Poesie. Jacques Roubaud hat wiederentdeckt, wovon noch kindliche Abzählreime auf dem Schulhof und die Songs der Rapper aus den Vorstädten sprechen: Poesie ist Zahl und Rhythmus, Form und Formel. Lyrik artikuliert sich über Versmaß, Reim, Stro-phenform und eine oftmals subtile Kombinatorik von Lauten, Buchstaben, Wörtern. Genau dies hatten die Troubadours in die "modernen" Sprachen des Abendlandes eingeführt, genau darin be-steht ihr Erbe, etwa in der von Roubaud besonders geschätzten Gattung des Sonetts.
Aber Jacques Roubaud ist vor allem auch ein äußerst produktiver Dichter, ein "poeta doctus", der mit der spätantik-mittelalterlichen Tradition der "artes liberales", der freien Künste vertraut ist, in denen literarische und mathematische Kultur noch ein gemeinsames Haus bewohnten. Und dies ist wohl der Grund dafür, warum er sehr rasch als Mitglied des 1960 von Raymond Queneau und François LeLionnais gegründeten OuLiPo kooptiert wurde. Im Namen dieser Gruppe, Ouvroir de Litterature Potentielle (Werkstatt für potentielle Literatur), strahlt das Wort "Werkstatt" noch etwas von der Atmosphäre der Werkhütten mittelalterlicher Baumeister aus. Was in dieser Gruppe ge-trieben wird, hat ein anderes prominentes Mitglied, Italo Calvino, mit dem schönen Buchtitel "Ky-bernetik und Gespenster" angedeutet: Dem etwas diffusen, geisterhaften Begriff von Literatur soll mit mathematischer Disziplin begegnet werden. Einerseits sichtet und sortiert OuLiPo Formen und Formeln zur Herstellung von Literatur, andererseits werden neue Formeln und Regeln, sogenannte "contraintes" (Regelzwänge) entwickelt. Dabei geht es nicht nur um Lyrik, sondern auch um große Prosaformen. George Perecs monumentaler Roman "Das Leben. Gebrauchsanweisung" z.B. geht aus mehreren mathematischen Kombinationsmodellen hervor. Desgleichen Roubauds größter Pu-blikumserfolg, der Romanzyklus von der "Schönen Hortense" (Carl Hanser Verlag, aus dem fran-zösischen von Eugen Helmlé).
Der "Oulipien", so die Selbstdefinition des Werkhüttenautors, ist "eine Ratte, die sich selbst das Labyrinth baut, aus dem sie zu entkommen sucht". Damit klingt etwas von der "Dialektik" des Re-gelzwanges an. Die Freiheit des Dichters besteht eben nicht darin zu dichten, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Frei ist der Autor erst dann, wenn er unabhängig von seiner privaten Meinung, leiblichen Befindlichkeit oder philosophischen Ambition nach einer selbstgesetzten, strin-genten Regel schreibt. Und genau hier wird die Mathematik für den Dichter interessant, insofern sie von Zahlen, Proportionen, Permutationen "spricht".
Nein, sagt Roubaud, die Poesie ist keine Mathematik. Das Gedicht sagt die Dinge, die es sagt. Es sagt sie nur einmal und unverwechselbar. Die Sätze der Mathematik hingegen sind unendlich wie-derholbar, eventuell falsifizierbar und in jedem Falle paraphrasierbar. Aber Poesie und Mathematik haben einen gemeinsamen Ursprung in der Zahl und – noch weiter zurück – im Rhythmus. Mit sol-chen Überlegungen im Kopf mag man sich nun der Leselust (doch, doch, es ist eine) an Roubauds Gedichten und Geschichten überlassen... (u.a. "Stand der Orte", Gedichte, Wunderhorn 2000, aus dem Französischen von Ursula Krechel, und "Etwas Schwarzes/Quelque chose noir", Gedich-te/zweisprachig, Edition Galrev 2001, Ü: Britt Bartel)


Lesung des Autors und Gespräch mit Jürgen Ritte am 17. März im Institut Francais.

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