12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
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Gute Gene
zu Matt Ridley
von Thomas P. Weber


Die modernen Naturwissenschaften werfen weit mehr Fragen auf, als sie mit ihren eigenen Methoden beantworten können. Vor allem im englischen Sprachraum gab es im 19. Jahrhundert mit George Eliot oder Thomas Hardy und heute mit Antonia S. Byatt oder Michael Frayn immer wieder Schriftsteller, die in naturwissenschaftlichen Erkenntnissen Anregungen für ihre Arbeit fanden und finden und ihre eigenen Antwortversuche mitteilen. Im viktorianischen Zeitalter bestand noch keine strenge Trennung zwischen wissenschaftlicher und literarischer Kultur. Charles Darwins Werke konnten als literarische Texte gelesen und angeeignet werden und fanden somit ihren Weg in literarische Diskurse. Heute erreichen wissenschaftliche Ideen ein breites Publikum meist nur auf indirektem Wege. Großbritannien ist jedoch in der beneidenswerten Lage, eine Reihe von erstklassigen Autoren zu besitzen, denen diese schwierige Vermittlung auf einzigartige Weise gelingt. Sie leisten damit, vielleicht manchmal unbeabsichtigt, einen wichtigen Beitrag, die Trennung zwischen literarischer und wissenschaftlicher Kultur zu überwinden, Wissenschaft als Material für die Literatur zugänglich und interessant zu machen.
Matt Ridley ist einer der Autoren, der die radikalen Erkenntnisse der Genetik, der Evolutionslehre und vor allem der Soziobiologie einem breitem Publikum am erfolgreichsten nahe bringt. Der 1958 im nordenglischen Newcastle geborene Ridley erfuhr seine wissenschaftliche Prägung während eines Zoologiestudiums an der Universität Oxford, das er 1983 mit der Promotion abschloß. Oxford entwickelte sich mit Beginn der siebziger Jahren unter dem Einfluß von Dawkins und dem leider nur wenig bekannten, vor kurzem tragisch verstorbenen William Hamilton zur Hochburg einer Biologie, die Genen einen absoluten Vorrang in Erklärungsversuchen von Phänomen in der belebten Natur einräumte. Ridleys Prägung drückte sich jedoch nicht durch weitere wissenschaftliche Arbeit aus. Nach neun Jahren als Wissenschafts- und Amerikakorrespondent der hochangesehen politischen Zeitschrift "The Economist” veröffentlichte Ridley eine Reihe von Büchern, welche einige der schwierigsten Probleme der Evolutionsbiologie aus einer genetischen Perspektive behandelten. In "The Red Queen: Sex and the Evolution of Human Nature" (Penguin 1993) geht es um das Geheimnis der Sexualität, und "The Origin of Virtue" (Penguin 1998, dt. "Die Biologie der Tugend". Ullstein 1999) befaßt sich damit, warum von egoistischen Genen betriebene Organismen häufig kooperieren, altruistisch sind und soziale Strukturen bilden. So ist es nur folgerichtig, wenn Matt Ridley sich in seinem jüngsten Buch "Alphabet des Lebens. Die Geschichte des menschlichen Genoms" (Claassen 1999, aus dem Englischen von Sebastian Vogel) dem kostspieligsten Projekt der modernen Biologie zuwendet: der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. Ridley gruppiert sein Buch in 23 Kapitel – die Zahl der menschlichen Chromosomenpaare. Von jedem dieser Chromosomenpaare wählt er pro Kapitel ein Gen aus und webt darum spannende Geschichten um Begriffe wie "Gedächtnis”, "Politik”, "Schicksal” oder "Intelligenz” und ihre genetische Grundlegung.
In der Folge des Humangenom-Projektes stellen sich neue Fragen um diese Begriffe, die die nahe und ferne Zukunft des Menschen betreffen, um Zufall und Vorherbestimmung und um Willensfreiheit und Identität kreisen. Diese Fragen können und dürfen die Biowissenschaften nicht allein beantworten, und daher versprechen sie, ein fruchtbares Feld für öffentliche und literarische Diskurse zu werden.

Lesung/Vortrag des Autors und Gespräch mit Thomas P. Weber am 8.3. im Literaturhaus

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