12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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MIHN oder die Liebe zur Alchemie
zu Harry Mulisch
von Hermann Wallmann


Er schreibe als Alchemist. Sein Schreiben vollziehe sich vor dem Auseinanderfallen von Erzählung und Reflexion, gleich der Alchemie, bevor sie sich in Chemie und Okkultismus aufgeteilt habe. Der 1927 als Sohn eines österreichisch-ungarischen Vaters und einer niederländischen Jüdin geborene Harry Mulisch hat diese janusköpfige "Erklärung" in seinem "Selbstporträt mit Turban" (1961) abgegeben. Dieses erschien in Deutschland erst 34 Jahre nach seiner Erstpublikation, und Harry Mulisch hatte längst eingelöst, was er hier (weniger versprochen als) konzipiert hatte. In einem späteren Aufsatz hat Mulisch das Verhältnis von Literatur und Naturwissenschaft in sich und seinem Spiegelbild verkörpert gefunden: "Ich sehe 'mich' dort stehen gleichzeitig aber 'ihn'. Ich will die Gestalt dort drüben 'Mihn' taufen. Wenn ich etwas sage, sehe ich Mihn reden, aber es kommt kein Geräusch aus dem Spiegel. Wenn ich Mihn die Hand geben will, dann wird das nicht nur durch das Glas unmöglich gemacht. Wenn ich den Sekundenzeiger von Mihns Armbanduhr beobachte, dann sehe ich, daß in der Spiegelwelt die Zeit rückwärts läuft und mit Zahlen angezeigt wird, die ich aus den Manuskripten Leonardo da Vincis kenne. " Und jetzt kommt die eigentliche Pointe: "Ich sehe ein merkwürdiges Funkeln in Mihns Augen. Was bedeutet das? Bin ich Mihns Mihn? Sieht nur Mihn mich, wie ich wirklich bin, ohne die Vertauschung von rechts und links? Mihn und ich, auf den ersten Blick so selbstverständlich, bilden ein immer rätselhafteres Paar, je länger ich über uns nachdenke."
Am Ende von MIHN (1994; dt. in: Die Säulen des Herkules, Hanser 1997) sieht Harry Mulisch Erfahrung und Reflexion, Wahrheit und Schönheit in einem Argument seiner Tochter aufgehoben. Einmal habe er einen Satz gesagt, der sich zufällig reimte: "Ohne Trauer geht's nicht auf die Dauer". Die Tochter habe ihn nachdenklich angesehen und gesagt: "Das reimt sich - also ist es wahr."
Daß es ohne Trauer auf die Dauer nicht geht und daß Sprache Wirklichkeit stiftet - das ist auch der "bewegende" Grund von Harry Mulischs letztem Roman. Die "Prozedur", die sein Titel verspricht, hat etwas zu tun mit dem Wort, das "am Anfang" war, mit dem unaussprechlichen Namen Gottes, aus dem alles entsteht, mit dem orphischen Gesang, der Macht hat über Fauna und Flora, den Buchstaben, mit deren Hilfe Rabbi Löw einst aus Lehm den Golem gemacht hat. Und mit dem anorganischen ABC, das der Protagonist des Romans kurz vor der Jahrtausendwende in ein organisches ABC überführt ("Die Prozedur", aus dem Niederländischen von Gregor Seferenz, Carl Hanser Verlag 1999).
Der Roman macht der Anmaßung, in der ein Geschöpf sich zum Schöpfer aufschwingt, den Prozeß. Er erzählt die Geschichte von Victor (!) Werker (!), dem es gelungen ist, aus lebloser Materie einen Organismus, den "Eobionten", herzustellen, dem es aber nicht gelingt, die Frau - Clara - zurückzugewinnen, die sein totes Kind - Aurora - zur Welt gebracht hat. In Briefen an Aurora, von denen er hofft, daß Clara sie liest, ist er ein ohnmächtiger Orpheus, der Eurydike beschwört. Doch seine Schuld ist "zweifellos" (Kafka): Als Clara mit der von der Nabelschnur strangulierten Tochter niederkommt, war er es gewesen, der sie im Stich gelassen hatte, "der weltberühmte Lebenmacher, der die Flucht ergreift, wenn der Tod auf dem Programm steht".
Der Roman ist gewebt aus Mulischs Begeisterung für die exakten Naturwissenschaften - Biologie, Genetik - wie seiner sterblichen Liebe zur Alchemie und zur Paradoxie - und seiner Bindung an MIHN. Es ist ein Kunst-Werk, das zu "leben" beginnt ausgerechnet da, wo es um den Tod geht. Von dem Befund der Totgeburt - "während der nächsten drei Tage war Deine Mutter ein lebender Sarkophag" - bis zur Entbindung - "Du warst tot und doch warm! Aber es war nicht Deine Wärme, sondern die von Mama" - bis zur Beerdigung - "Du bist gestorben, ohne je geboren worden zu sein" -: die Kapitulationsurkunde, die Harry Mulisch seinen Victor (unter)schreiben läßt, ist eine berührende Ballade für sich, eine Konfession, die dem Werker erst die Fallhöhe des Leidenden verleiht.
In einem virtuellen Telefongespräch mit Clara kommt Victor auf die Idee, Aurora zu klonen: Clara hat ein paar Haare aufbewahrt. Aber letztlich macht Mihn sich nichts vor: "Könnte das Gespräch so verlaufen? Natürlich nicht. Das war kein Gespräch zwischen ihm und ihr, sondern eins mit ihm selbst in der Gestalt von Clara."

Lesung des Autors und Gespräch mit Wolfgang Herles am 14.3. im Literaturhaus. Teilnahme am Podium "Der Funke der Kreativität" am 15.3. im Gasteig/Black Box.

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