12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
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Eigensinnige Arrangements
zu Tobias O. Meißner
von Peter Michalzik


1997 war die deutsche Literaturkritik überfordert. Zuviel an großen und kleinen Mythen, historischem Irrsinn, üblem Trash, obszöner Gewalt und, ja, auch hoher Literatur, mit allem was dazugehört, hatte da einer zwischen zwei Buchdeckel gepackt. Zu gewagt war die Mischung. Triviales, Paranoides und Schmutziges, dargeboten in einer Komplexität, dass man das Ganze nur mit den versiertesten Mitteln der Literaturtheorie beschreiben kann. Da schrieb einer, als hätte er sein Leben lang nur Hardcore-Comics gelesen und sich trotzdem Thomas Pynchon, den größten Verschwörungstheoretiker und Schriftsteller unter unseren Zeitgenossen, als Übervater ausgesucht. Es war das Amerika in uns, das in "Starfish Rules" (Eichborn 1997) beschrieben wurde, und zwar das Ganze, mit allen Abgründen und ohne eine Schießerei auszulassen. Oder besser, es waren unsere amerikanisierten Sekundär- und Tertiärträume, die Meißner souverän arrangiert hatte.
Auch in "Halbengel" (Eichborn 1999) erwies sich Meißner wieder als souveräner Kopf bei der Verfertigung der Collage aus dem Geist der Widerstands, diesmal waren es Kritiken, Interviews, Musikstücke und Fanpost, die er zusammenschnitt. Und die heute breite Diskussion um die Marktstrategen und Konzerne im Herzen des Pop hatte er auch vorweggenommen.
Man mag Meißner Zynismus vorwerfen. Aber mit dem Kurzroman "Todestag" (Eichborn 2000) hat er deutlich gemacht, dass es in allen seinen Büchern um die Rettung der Welt geht. In "Todestag" versucht es einer, indem er den Bundeskanzler umbringt. Wir hören, was der von seiner Idee ganz durchdrungene Held den Ermittlern zu sagen hat. Der Reiz des Buches liegt in den überzeugenden Argumenten, die Meißner seinem Protagonisten in den Mund legt.
Das Buch ist trotzdem Meißners schwächstes; mit seiner neuen Erzählung "Neverwake" hat er aber zu alter Höhe zurückgefunden: Statt Fußball gibt es hier Computerspielturniere in Riesenhallen, virtuell zwar, aber doch mit handfesten Auswirkungen. Und es gibt Spiele, die sich aus den Gehirnen der Spieler generieren, um diese dann ins Koma zu schicken. Man nennt das für gewöhnlich – und nicht selten etwas abwertend - Science Fiction, aber eigentlich dreht "Neverwake" unsere Welt nur ein kleines und ziemlich plausibles Stückchen weiter.
Ein paar Verrückte gibt es unter Deutschlands Schriftstellern. Tobias O. Meißner ist einer der Begabtesten unter ihnen. Und mit Sicherheit der Eigensinnigste.

Lesung mit Tobias O. Meißner und Marlene Streeruwitz und Gespräch mit Alex Rühle am 14. März in der Amalienbuchhandlung

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