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Denk-Räume
zu Alan Lightman
von Ulrich Woelk


"Wissenschaftler sind Possenreißer, nicht weil sie rational sind, sondern weil der Kosmos irrational ist." - Der dies schreibt, muss es wissen: Alan Lightman, geboren 1948 in Memphis, Tennessee, ist Astrophysiker und Schriftsteller und gehört damit zu jenen seltenen Grenzgängern, die sich sowohl in der Welt der Kunst als auch in der der Naturwissenschaft zu Hause fühlen. Er lehrt Astrophysik und Creative Writing am Massachusetts Institute of Technology und hat mit seinem ersten Roman "Und immer wieder die Zeit - Einsteins Dreams" (dt. 1994) das Kunststück vollbracht, die komplexe, alltagsferne Gedankenwelt Albert Einsteins in einen spielerisch traumhaften Assoziationsraum einzubetten, in dem auch für Nichtphysiker das Rätsel der Zeit und die Fragwürdigkeit ihres scheinbar unbeirrt ewigen Fließens erfahrbar wird.
Für Alan Lightman gehört zusammen, was vielen als Widerspruch gilt: die strenge methodengebundene Rationalität des Physikers und die bohemienhafte Geistesfreiheit des Schriftstellers. Schon früh hat er sich sowohl zur Kunst als auch zur Wissenschaft hingezogen gefühlt. In einer Reihe sensibler Essays, deren Nachdenklichkeit in einem wohltuenden Widerspruch zum vorlauten Bescheidwissen auf dem postmodernen Meinungsmarkt steht, lotet er seit 1981 die menschliche Seite der Wissenschaft ebenso aus wie die wissenschaftliche Seite des Menschlichen - entdeckt er in den filigranen Pirouetten einer Ballerina das kunstvolle Gewebe der Naturgesetze und in Alan Guths bahnbrechender kosmologischer Entdeckung vom "inflationären Universum" die tröstliche Banalität des sensationslos dahinziehenden Alltags.
Im Vorwort zu einer Sammlung dieser Essays ("Zeit für die Sterne", dt. 2000) schreibt Alan Lightman über seinen eigenen, von so scheinbar unterschiedlichen Zielen bestimmten Weg: "Wissenschaft war für mich der strengste und extremste Ausdruck von Ordnung in der physikalischen Welt. Doch die Sehnsucht nach dieser Ordnung und oft auch die Mittel, mit deren Hilfe sie verkündet wurde, waren menschlich, von einer eigentümlichen Ruhe im Vergleich zu der Aufgeregtheit und der rasenden Eile der Menschenwelt. Wo diese beiden Welten sich berührten, bot sich offenbar ein Thema für die literarische Betätigung. Außerdem wurde ich von etwas angetrieben, das ich bei der Beobachtung meiner Kollegen erfahren hatte: Wissenschaftler machen ihre größten Entdeckungen oft genau dann, wenn sie nicht den Gleichungen, sondern ihrer Intuition folgen, also dann, wenn sie sich am wenigsten 'wissenschaftlich' verhalten." - Oder anders ausgedrückt: Wenn sie träumen.
Wissenschaftler, so Lightmans eigene Erfahrung, entkommen dem Alltag nicht, auch wenn sie ihn oftmals so geflissentlich übersehen. In seinem zweiten Roman "Der gute Benito" (dt. 1996) leuchtet er dieses Motiv mit symbolischer Genauigkeit aus. Der junge Physiker Bennet Lang geht seinen wissenschaftlichen Weg allzu geradlinig und scheitert am Ende doppelt: Während sich seine Forschungen als vergeblich herausstellen, weil ihr Ergebnis kein Ausdruck individueller Erfahrung, sondern mathematischer Zwangsläufigkeit ist, gerät er dort, wo Erfahrung und Gestaltung möglich sind, in eine Sackgasse: seine Ehe zerbricht.
Es ist einer von Einsteins Zeit-Träumen, dass Physiker Possenreißer sind, doch war es Einstein, der gesagt hat: "Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer wenn auch hartnäckigen Illusion." Kehrt man die Pointe dieses Satzes um, dann hätten Träume die Chance, real zu werden, und Alan Lightmans Traum ist es, dass Wissenschaft und Leben einander bereichern. Sein Werk ist der Versuch, eine zweifache Brücke zu bauen: eine, die Nichtwissenschaftlern erlaubt, die Denkräume der Forscher zu betreten, und diese zugleich aus ihrer oftmals allzu engen Welt befreit.
(Lightmans Bücher erschienen bei Hoffmann und Campe, im TB bei Heyne, und wurden von Friedrich Griese ins Deutsche übersetzt.)

Lesung und Gespräch am 9.3 bei Literatur Moths und am 10.3. in der Volkssternwarte München ("Zeit für die Sterne"). Moderation: Ulrich Woelk


Website: web.mit.edu/humanistic/www/faculty/lightman.html
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