12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
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Foto KerrHigh-Tech-Thrill
zu Philip Kerr
von Ralph Eue


Dreharbeiten zu einem TV-Porträt über Philip Kerr im ICE. Beobachtungen durch den Sucher der Kamera. Ein Notizbuch, der Ärmel eines Tweed-Jacketts, Handschrift in königsblau. Am oberen Bildrand fliegt die norddeutsche Winterlandschaft vorbei. Ein fast altmodisch, ja behaglich anmutendes Bild – jedenfalls ein ausgeprägter Kontrast zur düsteren Spannungsliteratur, als deren Herold der 1956 in Edinburgh geborene Philip Kerr gilt.
"Das Wittgenstein Programm" (Deutscher Krimi-Preis 1995), ein virtuoser Thriller, der mit einem detailreichen Hintergrund aus Gentechnologie, psychiatrischer Diagnostik und elektronischem Vandalismus aufwartet – hochgerechnet ins London des Jahres 2013 – , begründete diesen Ruf. Ein halbes Dutzend weiterer Romane (darunter "Gesetze der Gier", "Game Over", "Esau", "Der Plan" und zuletzt "Der zweite Engel") bestätigte ihn.
In den meisten Büchern thematisiert der Autor Ressentiments gegenüber der Hightech-Gesellschaft, gibt dabei aber nicht den ernsten Propheten, sondern agiert in der Manier eines virtuosen Taschenspielers. Kerr, der deutsches Recht studierte, ist ein Nachkomme von Deacon Brodie, dem berühmten Dieb im ausgehenden 18. Jahrhundert: tags ein geachteter Kunsttischler in Edinburgh, nachts ein Einbrecher. Brodie hat Robert Louis Stevenson zu "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" inspiriert. "Dieses Buch", so Kerr, "ist ja eigentlich eine Metapher für den Schriftsteller, der zwar einem respektablen Beruf nachgeht und doch über seinem Manuskript alles sein kann, Hyde oder Superman, und völlig asoziale Seiten seiner selbst auf relativ unschädliche Weise ausleben darf."
Zurück im ICE: In zügigem Fluss wachsen aus Philip Kerrs Federhalter Wortketten aufs Papier. Die Frage des Interviewers ahnt er bereits: "Warum einer wie ich nicht mindestens einen Laptop benutzt? Ich mag diese taktile Verbindung zur Schrift. Der Cursor des Computers kommt mir immer vor wie ein Pedell, der einen anbrüllt: ‘Ich dribble hier schon auf der Stelle, und Sie sitzen immer noch tatenlos rum!' Nein … so sehr ich mich in anderen Bereichen an technischen Gimmicks ergötzen kann, so sehr leiste ich mir beim Schreiben den Luxus der Technophobie."
Um den Zwiespalt von einem technophilen Szenario und dystopischen Visionen à la "Blade Runner" geht es auch wieder in seinem jüngsten Roman "Der zweite Engel" (Wunderlich 2000, aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann). Kerr demonstriert die Metamorphose des 'Prinzips Hoffnung' zum pragmatischen 'Prinzip Trotzdem': Im Jahr 2069 sind die Meere zur Kloake geworden. Der Golfstrom ist versiegt und hat über Europa bittere Kälte ausgebreitet (was kein Gegensatz zur Global Warming-Theorie ist, sondern sie systemisch zu Ende denkt). Den Ernährungsgrundstock der Menschheit bildet eine sehr nahrhafte Abart des Mehlwurms. Die Kriminalität hat ungeheure Ausmaße erreicht, und Verbrecher werden wieder aufs Rad geflochten. Neben einer neuen Barbarei in Strafkolonien und Seuchengebieten stehen martialisch abgeschottete "chaosfreie Kontexte" zum privilegierten Leben und profitablen Wirtschaften: antiseptisch, sicher und rational. Vor allem aber: 80% aller Menschen hat ein Virus (HPV) befallen, das sie über kurz oder lang ersticken lässt. Hilfe bringt nur ein kompletter Blutaustausch, doch diesen können wegen astronomischer Preise – das Blutbusiness ist mitsamt seiner weitverzweigten Infrastruktur zur Leitindustrie geworden – nur die bezahlen, die ihn akut nicht nötig haben, also diejenigen, die gesund (identisch: reich) sind und für den Fall einer Infektion Eigenblut (identisch: ökonomischer Wohlstand) in schwer gesicherten Blutbanken deponiert haben. Und die größte davon befindet sich auf dem Mond.
Philip Kerr ist, anders als z.B. Michael Crichton, mit dem er seit seinem ersten Roman ("Im Sog der dunklen Mächte", 1989) immer wieder verglichen wurde, eher ein 'literarischer Streuner' (Spiegel) als ein Genre-Autor. Je nach Buchhandlung wird man ihn in den Mystery-, Krimi- oder Science Fiction-Regalen finden. Mit Science Fiction ist er noch am ehesten einverstanden: "Aber erst wenn man den Begriff in seine Bestandteile zerlegt: die fiktionale Hochrechnung aktueller wissenschaftlicher Befunde. Dabei beginne ich jedes neue Buch im Stadium kompletter Ignoranz, verbunden mit einer gewaltigen Neugier, wie etwas, das noch nicht passiert ist, passieren könnte – gerade im Bereich der Wissenschaft. Früher hat man mir immer gepredigt: schreibe nur über das, was du kennst. Blödsinn! War Shakespeare je im alten Ägypten gewesen, oder auch nur in Schottland seiner Zeit?"
Gleich, wohin uns Kerr mit seinen Fictions entführt, immer zerreißt es einen, da sie hoffentlich sehr unwahrscheinlich sind, aber leider sehr plausibel.

Lesung des Autors und Gespräch mit Stefanie Schild am 8. März im Atomic Café.
Im Anschluß (ab ca 22.30 Uhr): Jazz-Konzert mit "Hypnosis"


Website: www.philipkerr.co.uk
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