12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Natur auf Abwegen
zu Bernhard Kegel
von Elmar Krekeler

Michael Crichton hat keine Ahnung. Zumindest von Käfern. Weswegen er niemals zweihundert Seiten hätte schreiben können über Freiland- und Laboruntersuchungen zur Wirkung von Herbiziden auf epigäische Arthropoden, insbesondere der Laufkäfer (Col.: Carbidae). Und das unterscheidet den amerikanischen Dinosaurier-Wiederbeleber maßgeblich von seinem Berliner Kollegen Bernhard Kegel. Der promovierte nicht nur über die möglichen Pflanzenschutzschäden an Arthropoden, sondern beharrt außerdem darauf, dass er lange vor Crichtons "Jurassic Park" begonnen hat, die Gefahren enthemmter wissenschaftlicher Forschung, die Folgen von Gen-Experimenten und Freisetzungsversuchen literarisch umzusetzen.
Und das, was dabei herauskam, ist nicht nur wissenschaftlich genauer, kritischer, es ist auch in seiner Perspektive wahrscheinlicher als die Rekonstruktion von Dinosauriern. Denn in Kegels erstem Roman, der 1993 erschienen apokalyptischen Genforschungssatire "Wenzels Pilz", wird die Menschheit nicht bedroht von gefräßigen reanimierten Raptoren, sondern von einer unkontrollierbar wuchernden genetisch verschönerten Umwelt: von gigantischen Fliegenpilzen und Palmen, die an Stellen wachsen, wo sie von Natur aus nun wirklich nicht hingehören.
Von Natur aus hätte man den hageren Ökologen eher beim Jazzfest von Montreux als bei der Buchwoche von München erwartet. Die Diskografie des unter anderem in Woodstock ausgebildeten Gitarristen und Sitarspieler ist sehr viel länger als seine Bibliografie. So groß allerdings, sagt er, sei der Sprung vom Musik machenden Wissenschaftler zum wissenschaftlichen Schriftsteller nicht. Und außerdem konnte Kegel so eine Mission erfüllen: die Forschung aus dem selbstverordneten Elfenbeinturm verstaubter Erzählweisen herausholen. Er begann damit lange vor der Erfindung des sogenannten Wissenschaftsfeuilletons und zu Zeiten, als Faction, die vor allem in England geborene und inzwischen fast schon modisch gewordene Form der Wissenschaftsaufbereitung in Buchform, von den meisten Deutschen entweder für einen bedauerlichen sprachlichen Unfall gehalten wurde oder für eine ebenso bedauerliche wissenschaftliche Entgleisung. Kegel vermittelte in spannenden, satirischen Plots, wie Wissenschaft Wissen schafft, wie ihre Forschungsproduktion produktiv gemacht wird und mit welchen Perspektiven.
Was Kegel mit der Gen-Industrie durchspielte, setzte er 1996 mit der Paläobiologie fort. Zeigte im Fantasy-Thriller "Das Ölschieferskelett" hintersinnig unter anderem, wohin Forscherdrang führen kann und wie abhängig der Erkenntnisgewinn einer Wissenschaft ist von den gesellschaftlichen Grundlagen ihrer Zeit. Daß sich Geschichtenerzählen nicht auf Fiktion beschränken muß, zeigt sich in Kegels erstem "Sachbuch". In "Die Ameise als Tramp" taucht Kegel ab in die Welt fantastischer, aber realer Mikrokriege, die ausgelöst werden durch biologische Invasionen von Pflanzen und Tieren in Gegenden, in die sie von Natur aus nicht hingehören. Meistens Ergebnis menschlichen Verhaltens und der Verschlimmbesserung des durch unsere Spezies massiv gestörten ökologischen Gleichgewichts. Die Bilanz des Buches ist also von der seines 1997 noch einmal aufgefrischten Erstling "Wenzels Pilz" nicht sehr weit entfernt.
"Wir werden unsere Natur-Eingriffe nicht überleben", sagt Kegel. Und er ist beileibe kein Hysteriker. Er ist ein unorthodoxer Mahner. Zum Öko-Optimisten taugt er jedenfalls nicht. Weil Wissenschaft immer stärker von der Wirtschaft regiert wird. Vor allem: weil sie von Menschen gemacht wird und Menschen - trotz aller Fortschritte in der Erbgut-Analyse - immer noch so sind, wie sind: egoistisch, überheblich und intellektuell zu kurzsichtig, als dass sie wirklich überblicken könnten, was sie da anrichten. Zauberlehrlinge allesamt, die es nie zum Meister bringen werden.
(Die Bücher von Bernhard Kegel sind bei Ammann und im Taschenbuch bei Heyne erschienen.)

Bernhard Kegel nimmt am Podium "Science in Fiction" am 9. März im Literaturhaus teil. Am 12. März präsentiert er mit Ulrich Moritz "Die Reise nach Transgenien" im Café Ruffini

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