12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Mathematik plus Mafia plus Metaphysik
zu Denis Guedj
von Michael Rössner

Denis Guedj, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Pariser Universität, ist einer jener Vertreter der akademischen Zunft, die verstanden haben, daß der Weg der Wissensvermittlung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend nicht mehr ohne ein gewisses Maß an Erzählerqualitäten denkbar ist: Erzähler im Sinne der bei uns allmählich wiederentdeckten, im Orient und in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt zum Alltag gehörenden Geschichtenerzähler, die zugleich Dolmetscher, Vermittler und Alleinunterhalter sind. Und weil er es so gut verstanden hat und gerne schreibt (auch Film-Drehbücher), hat er den Sprung gewagt – wie schon vor ihm Kollegen aus anderen Fächern - und einen (Kriminal-)Roman geschrieben.
"Das Theorem des Papageis" ist die Geschichte einer geheimnisvollen Brief- und Büchersendung an einen gelähmten Pariser Buchhändler. Dessen postmoderne "Familie" besteht aus einer alleinerziehenden Mutter mit zwei leiblichen Zwillingen und einem adoptierten, tauben Jungen namens Max. Gemeinsam machen sie sich daran, die aufgegebenen Rätsel zu lösen, wozu eine Aufarbeitung der spannenden Geschichte der Mathematik erforderlich ist. Noch spannender wird die Sache freilich dadurch, daß es zu einem Wettlauf mit einer Mafia-Bande kommt, die hinter einem Papagei her ist, der einem der Kinder zugeflogen und zur Lösung aller mathematischer Rätsel enorm wichtig ist. Guedj hat mit seiner Erzählung offenbar den Geschmack getroffen: Sein "Theorem" ist binnen kurzer Zeit zum internationalen Bestseller geworden. Denis Guedj geht es aber nicht nur um eine spannende Vermittlung der abenteuerlichen Geschichte der Mathematik, es geht ihm auch um deren Verknüpfung mit Philosophie und Selbsterkenntnis. Die Kinder seines Buches begeistern sich vor allem deshalb für Mathematik, weil sie plötzlich Beziehungen zwischen abstrakten Fragestellungen und ihrer Lebenswelt entdecken können.
Genau das verbindet das "Theorem" mit Guedjs neuem, von ihm als "metaphysisch" bezeichneten Roman "Der Regenschirmbambus". Hier wird die Geschichte einer "normalen Familie" erzählt (ein Arzt in einer Kleinstadt mit Frau und zwei Kindern), die im Besitz einer seltsamen Bambusstaude sind. Es ist eben der "Regenschirmbambus", der immer genau nach hundert Jahren einmal blüht und dann stirbt, wobei alle Zellen der Pflanze diese seltsame innere Uhr in sich tragen, die durch keine äußeren Ereignisse (Brand, Klimakatastrophen) aus dem Rhythmus gebracht werden kann. Der eigentliche Held der Geschichte ist der Sohn der Familie, Génis, dessen Heranwachsen bis zur Pubertät geschildert wird. Er erlebt seinen Körper und seine Umwelt auf zweifache Weise: bald nach Art des Bambus, sozusagen "pflanzenartig", bald in "geometrischer Weise", als Begegnung mit mathematischen Formen. Génis ergründet das Geheimnis des Bambus und damit die Vorgeschichte seiner Familie. Er entdeckt einen unbekannten Großvater genau in dem Augenblick, in dem der Bambus nach der Blüte stirbt und die Familie zerbricht. Damit hat er seine Wurzeln gefunden und sich zugleich von ihnen gelöst. Der neue Roman bestätigt das, was man schon beim "Theorem" geahnt hat: Professor Guedj ist dabei, als Erzähler aufzublühen und den Wissenschaftshistoriker hinter sich zu lassen.
Die beiden Romane erschienen 1999 und 2001 bei Hoffmann & Campe und wurden von Bernd Wilczek aus dem Französischen übersetzt.

Lesung des Autors und Gespräch mit Michael Rössner am 13. März im Institut Francais

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