12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Atomares Wörtersummen
zu Sylvia Geist
von Arne Rautenberg

Ihre Vita activa ist eine Lanzenbrecherei für die Poesie. Nicht nur, daß sie gerade an ihrem Roman sitzt und mit ihren Gedichtbänden (zuerst: "Morgen blaues Tier", Verlag zu Klampen/ Ed. Postskriptum 1997) die eigenen Texte in die Waagschale der Gegenwartspoesie wirft; die gebürtige Berlinerin ist auch in der Literaturvermittlung tätig, rezensiert für diverse Zeitschriften, arbeitet für den Rundfunk, hat osteuropäische Lyriksammlungen herausgegeben undundund.
Wie kann etwas ohne Beweis sein? fragt Sylvia Geist in ihrem Gedicht "Rückspiegel" und wirft damit zugleich die Frage nach der Durchdringung von Wissenschaft und Poesie auf. Was trennt die Verbindung? Was verbindet die Trennung? Man kann sagen alles und nichts; hier die Jagd nach Konsens und Konstanten, dort das subversive Ich-Sagen: zu Sprache geronnene Modelle, die aus dem Dunkel des gelebten Augenblicks herausleuchten. Die Lyrikerin Sylvia Geist weiß beide Disziplinen wie Feuersteine aneinanderzuschlagen. Und so liest sich die Versuchsanordnung für ihren Gedichtzyklus "Periodischer Gesang": "Diesen Gedichten liegt die 'Gestalt' der chemischen Elemente im Periodensystem zugrunde. Jedes Wort steht für ein Elektron, jeder Vers für ein Energie-Orbital, in dem sich die Elektronen bewegen. Die Summe der Wörter einer Strophe entspricht der Atommasse des Elements." Was man dann in den subtilen Gedichten aufliest, ist ein in Aluminium, Titan und Ferrum gegossenes Ich. Kein Zufall, daß sich in ihrem Leben die Studiengänge Germanistik und Chemie vereint haben.
Mit ihren Gedichten verstärkt Sylvia Geist die Bewegung, die in den ohnehin schon wabernden Systemen der Wissenschaft steckt; sie haucht ihnen Intimität ein, zerstört sie, stellt sie in Frage. "Nichteuklidische Reise" (Bonsai typ Art 1998) ist Name und Programm ihres letzten Gedichtbandes; die gemeine Vorstellung des Raumes dient lediglich noch als Projektionsfläche zum lustvollen Negieren. Nicht anders ergeht es der Zeit in ihrer lyrischen Wahrnehmung: Ich sah im Tunnel/ hört die Zeit auf./ (Ich weiß das heißt ich komme/ schneller ins futur als instantan/ ich weiß das heißt ich werde/ schon eingeholt vom blick/ den ich auf den ausgang richte/ bevor ich ganz die augen öffne.) Das ist die Größe und Waffe dieser Poesie: daß sie sich erlauben kann, den gottgleichen Nimbus der Ratio zum Teufel zu jagen. Daß dem Visionären Bilder abgetrotzt werden. Und daß daraus Erkenntnis erwachsen kann. Womit sich ein Kreis schließt, denn Erkenntnisgewinnung durch Sprache ist der kleinste Nenner, der paradoxe Klebstoff zwischen Poesie und Wissenschaft. Für die Poesie möchte man noch triumphierend hinzufügen: daß die Erkenntnis auch durch Spiel (aus sich selbst heraus) gewonnen werden kann. Nichts los im Sandkasten heute, konstatiert Sylvia Geist. Wer weiß?

Lesung von Sylvia Geist und Ulrike Draesner am 21. März im Lyrik Kabinett

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