12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Geheuerte Zellen
zu Ulrike Draesner
Von Ijoma Mangold

"Ist sie so", fragte Ulrike Draesner entnervt in der Rezension einer Erzählung, "ist sie so, die zeitgenössische Literatur, wenn sie versucht, naturwissenschaftliche Fragestellungen aufzugreifen: belehrend, manchmal unfreiwillig komisch und ab und an moralisierend?" Das war 1994, vor der nanogenetischen Revolution, als Science Fiction noch zur U-, nicht zur Dritten Kultur zählte. Dass man dem überwältigenden Deutungsmonopol der Naturwissenschaften weder "belehrend" noch "moralisierend" beikommt, darf man zum Erkenntnisfortschritt der letzten Jahre zählen. Denn es geht nicht um ein neues Stück Wirklichkeit, ein weiteres Thema, das seiner literarischen Verarbeitung harrt, sondern um den Zusammenhang von Wissen, Sprache und Identität.
Genau in diese Zone zwischen Mythos und Aufklärung stößt Ulrike Draesner mit ihren besten Gedichten vor, indem sie ihr lyrisches Vokabular den Begriffsgewittern der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aussetzt und so das lyrische Ich unter den Bedingungen eines neuen sprachlichen Weltbeschreibungsmodells erkundet. Wo andere meinten, mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms habe man den Topos vom "Buch der Natur" aus dem Reich der Metapher in den der realen Deskription überführt, den numinosen Bildzauber gebannt und in die Prosa der Grundbausteine des Lebens transkribiert, forscht Ulrike Draesner in umgekehrter Richtung: Sie fragt, was die neuen genetischen Weltbeschreibungsmodelle an Metaphern implizieren, in denen wir uns und die Welt deuten und verstehen. So ersetzt sie in ihren "Radikalübersetzungen" von Shakespeares Sonetten (Wallstein Verlag) die Liebe durch die DNS und die Unsterblichkeit durch das Klon. Oder sie debattiert auf der Forumsseite von www.perlentaucher.de mit Roger Willemsen über unser verändertes Körperverständnis, das Fleisch im Zeichen des BSE-Skandals massenhaft der Vernichtung zuführt, um es zugleich gentechnologisch auf Abfrage reproduzierbar zu halten.
Die Mutation des Körpers zum Objekt der Manipulation und Abrichtung, zum bloßen "Fleisch", ist ein Motiv schon in Ulrike Draesners Roman "Lichtpause" (Volk & Welt 1999), in dem Kindheit als Drama der - auch sprachlichen - Disziplinierung und Vergewaltigung eines Kinderkörpers erzählt wird. In ihrem jüngsten Gedichtband (Volk & Welt 2001), "für die nacht geheuerte zellen" (was als Formulierung mindestens so abgeklärt wie anzüglich ist), gibt es ein Gedicht mit dem Titel "kaspar hausers unterhose". Da heißt es über jene Buchstaben-Kabbala des Genoms: "... sie schilferten / ein paar zellen ab da schossen gleich / die mythen ins kraut ..." Es sind diese Mythen mehr als die Mittel der technischen Manipulation, mit denen jedes neue wissenschaftliche Weltbild den Menschen "am Wickel" packt. Und es ist dies der Ort von Ulrike Draesners Büchern: Sie setzen die Körper einer Sprache aus, die die Gewalt der Veränderung durch die Wissenschaft und ihre Reflexion ohne Ermäßigung an den Menschen weitergibt.

Lesung mit Ulrike Draesner und Sylvia Geist am 21. März in der Lyrik-Bibliothek

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