12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Foto DjerassiNasenlänge voraus
zu Carl Djerassi
Von Karin Steinberger


Da steht er also, der Mann, der die Pille erfunden hat - und wie immer kann er es nicht lassen, ein wenig herumzuexperimentieren am Lauf der Dinge. Hochschwanger ist Carl Djerassi auf dem Foto, als wolle er beweisen, dass die Rolle des Mannes bei der Fortpflanzung mitnichten eine unwesentliche ist - oder eben gerade doch? Carl Djerassi liebt es einfach, Verwirrung zu stiften, zu provozieren oder Abgrenzungen zu ignorieren - und da es nichts gibt, was er halbherzig macht, hat er es auch in diesem Metier zum Meister gebracht. Und so plaudert der in Stanford lehrende Chemiker schon mal auf der Bühne mit Roger Willemsen über die Zukunft von Liebe, Sex und Familienplanung oder schreibt Theaterstücke, in denen die Zuschauer miterleben, wie eine Eizelle unter dem Mikroskop künstlich befruchtet wird. Ein Professor auf Abwegen?
Ein ganz normaler Wissenschaftler war der 1923 in Wien geborene Djerassi ohnehin nie. Er habe schon immer einen gewissen Hang zur "intellektuellen Polygamie" gehabt. So war er als Chemiker auch immer schon Geschäftsmann - was man in Kollegenkreisen eher skeptisch zur Kenntnis nahm. Und nebenbei war er auch immer schon Kunstsammler - seine Paul-Klee-Sammlung gilt als die größte Privatkollektion. Im nachhinein gesehen sei er trotzdem lange selber ein Opfer seiner ,zwanghaften intellektuellen Leidenschaft" gewesen, ein "für immer steroidsüchtiger" Chemiker und "unverbesserlicher Optimist, was die wissenschaftlichen Erfolge betraf", ein Gefangener der wissenschaftlichen "Stammeskultur". Seine Wandlung zum "akademischen Robin Hood" - wie er es in seiner Autobiographie "Die Mutter der Pille" einmal ausdrückte - war durchaus eine langwierige Geschichte. Aber eine keineswegs erfolglose - im Gegenteil. Berühmt wurde er vor allem durch die Synthetisierung des Hormons Cortison und die Synthetisierung des Schwangerschafthormons Gestagen, Grundlage für die Entwicklung der Anti-Baby-Pille. Daneben veröffentlichte er mehr als zwölfhundert wissenschaftliche Publikationen, bekam 18 Ehrendoktorhüte und unzählige Medaillen und Auszeichnungen. Nur den Olymp der Wissenschaften hat er, für viele zu unrecht, nie erreicht: den Nobelpreis. Djerassi ist eitel genug, um zuzugeben, dass ihn das kränkt: "Die Forschung ist die einzige Olympiade, in der es nur Gold gibt. Der zweite Platz ist hier schon der letzte."
Nun, er mag den Olymp der Wissenschaften knapp verpasst haben, als Mann der Grenzüberschreitung jedoch ist er weiter gekommen als viele andere. Mit der ihm eigenen Obsession arbeitet er daran, Brücken zu schlagen zwischen der Kunst und der Wissenschaft mit dem selbst erklärten Ziel, "aus der Terra incognita eine Terra cognita zu machen". Und da Djerassi sowohl im Labor als auch an der Schreibmaschine ein "Totalworkoholic" ist, ist sein Ausstoß auch als "Science-in-fiction"-Autor enorm. Fast kein literarisches Genre, in dem er sich nicht schon profiliert hätte. Ob Roman, Theater oder Gedicht, immer geht es darum, Fakten hineinzuschmuggeln in seine Fiktion. Denn warum sollte man nicht lernen, während man unterhalten wird? Und natürlich gehört auch ein wenig Provokation dazu, wenn man die latent wissenschaftsfeindliche Mehrheit interessieren will für die Innereien des nach außen hin abweisenden Glaspalastes der Wissenschaft. Und Carl Djerassi ist wohl der beste Beweis dafür, dass es in diesem Palast gar nicht so stocknüchtern zugeht, wie man sich immer denkt - denn wer hätte schon gedacht, dass es da drinnen auch schwangere Männer gibt.

Von Carl Djerassi sind in deutscher Übersetzung erschienen (alle im Haffmans Verlag in der Übersetzung von Ursula-Maria Mössner): die Romane "Cantors Dilemma", "Das Bourbaki Gambit", "Marx, verschieden", "Menachems Same", und "NO", seine Autobiographien "Die Mutter der Pille" und "Von der Pille zum PC", die Erzählbände "Der Futurist und andere Geschichten" und "Wie ich Coca Cola schlug" sowie das Theaterstück "Unbefleckt". 2001 erscheint sein neues Stück "Oxygen".

Carl Djerassi liest und erzählt am 8. März im Deutschen Museum (Bibliothek) und nimmt an der Podiumsdiskussion "Science in Fiction" am 9. März im Literaturhaus teil


Website: www.djerassi.com
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