12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Poetische Organismen
zu Inger Christensen
von Michael Braun

In der Dag Hammarskjölds Allé in Kopenhagen, im vierten Stock des Hauses Nummer 5, schlägt das Herz der modernen europäischen Poesie. Hier wohnt die dänische Dichterin Inger Christensen, die mit ihren Großpoemen "alphabet" und "Es", zwei ergreifenden Schöpfungsgeschichten über die Entstehung der Sprache und der Welt, neue Maßstäbe für die zeitgenössische Dichtung gesetzt hat. Dank der vorbildlichen Editionspraxis des Münsteraner Kleinheinrich Verlags, der seit 1988 die lyrischen und essayistischen Hauptwerke der Autorin in der einfühlsamen Übersetzung von Hanns Grössel publiziert, hat das jahrzehntelang kaum beachtete Werk Inger Christensens seinen Weg in eine zunehmend begeisterte Öffentlichkeit gefunden. 1935 in Vejle, einer Küstenstadt im Osten Jütlands geboren, hat die Dichterin ihre ersten beiden Gedichtbände unter dem Titel "Lys/Licht" und "Graes/Gras" schon Anfang der sechziger Jahre veröffentlicht. Die gleichförmigen Ebenen und horizontalen Weiten ihrer Heimat, deren Pflanzen- und Tierwelt, der Strand und das Meer, und nicht zuletzt die schneereichen Winter bestimmen die Topographie dieser frühen Texte. Der Weg zu den naturwissenschaftlich und mathematisch inspirierten Großpoemen war noch weit. In Arhus ließ sich Christensen zur Volksschullehrerin ausbilden, später studierte sie Medizin, nebenbei Chemie und Mathematik und arbeitete einige Jahre an einer Kunsthochschule. Nach einigen Roman-Versuchen entsteht in Kopenhagen Ende der siebziger Jahre das epochale Gedicht "alphabet", eine lyrische Litanei über "das seltsame Verhältnisspiel der Dinge" (Novalis), in der die Natur und die Menschenwelt in all ihren wundersamen Einzelheiten aufgerufen werden - und in der auch die drohende Verwüstung dieser Welt evoziert wird. Wie in ihren langen Poemen "brief im april" und "Es" versucht hier Inger Christensen eine ästhetische Symbiose von Dichtung und Mathematik zu realisieren. Der Band "brief im april" entlehnt seine Ordnung den sieben Wochentagen und beruft sich auf serielle Permutationstechniken der modernen Musik. Das Großpoem "Es" ist auf die Zahl Acht und auf die Wiederkehr bestimmter grammatikalischer Termini aufgebaut. Das grandiose Schöpfungspoem "alphabet" schließlich rekurriert in der Komposition seiner vierzehn Abschnitte auf die sogenannte Fibonacci-Folge, eine nach dem italienischen Mathematiker Leonardo Fibonacci benannte Zahlenreihe, bei der sich jedes Glied der Reihe aus der Summe der beiden vorangehenden Zahlen errechnet (also: 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55 usf.). Dieses Verfahren bliebe rein willkürlich, wäre da nicht Christensens Entdeckung, dass die Fibonacci-Zahlen auf wundersame Weise mit der Struktur und dem Wachstum bestimmter Pflanzenarten korrespondieren. Das Verblüffende an den poetischen Schöpfungsgeschichten Inger Christensens ist nun, daß sie trotz ihrer mathematischen Formidee an keiner Stelle Gefahr laufen, sich in experimenteller Demonstration zu verkrampfen, sondern sich stets zu faszinierenden poetischen Organismen verbinden.

Lesung der Autorin am 15. März in "Dichtung & Wahrheit". Moderation: Klaus Podak

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