12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Gehirngespinste
zu Valentin Braitenberg
von Jeanne Rubner

Sie heisst Ill oder vielleicht auch nicht. Die drei Buchstaben sind jedenfalls alles, was der Reisende im Namenszug der geheimnisvollen Fremden erkennt, als diese sich ins Hotelregister einträgt. Die beiden beginnen eine Reise quer durch Europa, zu teilweise sonderbaren Menschen, um etwas über das wahre Wesen der Physik zu erfahren, über Gott und Primzahlen.
Was treibt einen seriösen Wissenschaftler dazu, leicht fantastische Bücher wie "Ill oder der Engel und die Philosophen” (Haffmans Verlag) zu schreiben? Valentin Braitenberg war immerhin jahrzehntelang Max-Planck-Direktor, hat Nervenzellen studiert und ist als Schöpfer von künstlichen Wesen ("Braitenberg Vehikel") in die Annalen der Künstlichen Intelligenz eingegangen. Doch der gebürtige Südtiroler war nie der typische Forscher, der geradlinig der Spur seiner Ausbildung folgt. Als studierter Mediziner und Psychiater kam Braitenberg Ende der 40er-Jahre an der Universität Rom in Kontakt mit der "Kybernetik" von Norbert Wiener. Die Fragen der Informationsverarbeitung ließen ihn sein Leben lang nicht mehr los. Von 1968 bis 1994 war Braitenberg Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, wo er mittels des Studiums der Anatomie und Physiologie von Nervennetzen herausfinden wollte, wie das Gehirn Information verarbeitet. Doch statt - wie die meisten seiner Kollegen - sich auf das biologische Organ zu beschränken, wagte er immer wieder Ausflüge in die künstliche Welt. Und während er Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag Nervenströme ableitete, gehörte der Mittwoch der Welt der Roboter. An solchen Mittwochen entstand etwa das Buch "Vehikel”, in dem Braitenberg beschreibt, wie sich mit einfachen Kreaturen - nur ausgestattet mit einem Sensor und einem Motor - komplexes Verhalten erzeugen lässt, das kaum vorhersagbar ist. Seine Vehikel hat Braitenberg selbst nicht gebaut, viele Labors weltweit haben sie jedoch konstruiert und damit gezeigt, wie einfach es ist, sogar emotionales Verhalten zu erzeugen.
Wo Valentin Braitenberg heute die Gehirnforschung und Künstliche Intelligenz sieht? "Erst ganz am Anfang." Für ihn ist jedoch klar, dass Biologie und Informatik sich ergänzen. "Computer und Gehirn sind beide Information verarbeitende Systeme." Und es sei nur eine Frage der Zeit, bis Maschinen menschlichen Fähigkeiten hätten, glaubt Braitenberg. Schon jetzt sei erstaunlich, wie gut Rechner Gesichter erkennen könnten. Die oft und mit Angst gestellte Frage, ob Computer auch Bewusstsein haben können, will der Kybernetiker lieber nicht beantworten: "Wir sollten uns für 50 Jahre das Wort Bewusstsein verbieten und statt dessen Sensorik und Motorik studieren. Dann werden wir erkennen, dass das Bewusstsein vielleicht gar nicht so zentral für das Denken ist, wie gemeinhin vermutet."
Noch immer forscht der mittlerweile fast 75jährige Braitenberg, derzeit als Leiter des Laboratorio di Scienze Cognitive der Universität von Trient in Rovereto. Und noch immer bricht er aus dem zuweilen engen Korsett der Wissenschaften aus - etwa durch sein neuestes Buch "Ill - oder der Engel und die Philosophen". Ihn interessieren die Fragen, die streng naturwissenschaftlich nicht zu fassen sind oder zumindest Probleme bereiten - etwa die der Ästhetik, der Naturphilosophie, der Quantenmechanik oder der Geigenakustik, denen der passionierte Violonist sich in seinem Roman auf ungewöhnliche Weise nähert. "Das ist lustiger, als nur in Fachzeitschriften zu veröffentlichen", findet Braitenberg, der - anders als viele Naturwissenschaftler - seine philosophische Ader nie zu verbergen versucht hat. Nicht umsonst schwärmt er für das Zeitalter der Aufklärung, als Naturforscher zugleich Literaten waren, Goethe zum Beispiel: "Daran sollten wir anknüpfen."

Valentin Braitenberg im Gespräch mit Jeanne Rubner am 11. März im Literaturhaus,
Teilnahme am Podium "Mythos Wissenschaft" am 11. März im Alten Rathaussaal


Website: www.kyb.tuebingen..mpg.de/br/
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