12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
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12. Internationale Frühjahrsbuchwoche
"Fiction & Science"

Kaum eine Woche vergeht, ohne daß uns die Naturwissenschaften mit Zukunftsvisionen konfrontieren: das menschliche Genom wird entziffert und Stück für Stück der "neue Mensch" entworfen, wie ein Hund folgt uns der Roboguard, die Quantenteleportation verheißt uns die Zeitreise, Gehirnchips verhindern Altersdemenz, mit therapeutischem Klonen züchten wir uns Ersatzorgane, mit künstlichen Zellen leben wir länger. Mathematisch chiffrierte Botschaften jagen durchs Internet; Nanos wuseln in den "Labors der Träume"; im Cyberspace zaubern wir mit Millionen Megabits eine schöne neue Welt.

So viel Zukunft war nie, scheint es. Und nie so viele Zweifel und Diskussionen: Ist Charles P. Snows These von den "zwei Kulturen" (immer noch) richtig? Die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften als feindliche Brüder, in Konkurrenz um das Deutungsmonopol der Welt? Empirie gegen Phantasie, homo ludens gegen homo faber? Die Schriftsteller im Elfenbeinturm, die Wissenschaftler in ihrer durch Expertenwissen uneinnehmbar gesicherten Bastion?

Der Rückblick in die Literaturgeschichte zeigt: Seit der Antike verbinden sich menschliche Wunsch- und Angstträume mit alchemistischen, wissenschaftlichen und technischen Phantasien. Kunstkörper wie der Golem, der Homunculus, E.T.A. Hoffmanns Maschinenmenschen oder Mary Shelleys Frankenstein bevölkern die Literatur, und viele Gesellschaftsutopien sind ohne wissenschaftlich-technischen Hintergrund nicht denkbar. Von Goethe und Novalis über die von der Darwinschen Evolutionstheorie beeinflußten Naturalisten bis zu Robert Musil und Max Frisch haben sich viele Schriftsteller durch Forschung und Technik zu literarischen Versuchsanordnungen anregen lassen. Und heute, im Zeitalter der New Science? Welche Bedeutung haben Naturwissenschaft und Technik, die seit zwei Jahrhunderten die Welt und damit unser Welt- und Menschenbild prägen, für die zeitgenössische Literatur?

In Lesungen und Gesprächen mit 30 Autorinnen und Autoren will die Internationale Frühjahrsbuchwoche die Beziehung zwischen Fiction und Science untersuchen, Berührungspunkte und Reibungsflächen identifizieren. Auf Podien kommen Schriftsteller und Wissenschaftler, Historiker und Zukunftsforscher zusammen, um aktuelle Fragestellungen der Forschung, Rolle und Selbstverständnis der Wissenschaft und zukünftige Entwicklungen zu diskutieren.

Die Naturwissenschaften in der Gegenwartsliteratur, wahrgenommen als kritische Masse des Großexperiments Welt, das es zu erkunden gilt: bei Harry Mulisch und seinen "alchemistischen" Schöpfungen aus Phantasie, Reflexion und Begeisterung für die Naturwissenschaften; bei Vladimir Sorokin und seinem virtuosen "genmanipulierten" Sprachkunstwerk, in Ljudmila Ulitzkajas Gewebe von Lebensläufen, das Fragen zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Moral bündelt, oder in Leon de Winters epischen Betrachtungen über Glaube und Wissenschaft. Naturwissenschaftliche Denkmodelle und Motive bestimmen spielerisch den Lauf der Erzählung oder die Struktur eines Gedichts: bei Jacques Roubaud, der die mathematischen Kombinationsmodelle unter dem Rock der schönen Hortense und anderswo versteckt, bei den Lyrikerinnen Inger Christensen, Ulrike Draesner und Sylvia Geist und deren poetischen Verknüpfungen von Natur, Wissenschaft und Sprache. Die Wissenschaft liefert den Stoff für reizvolle Plots und moderne Helden — an ihr entzündet sich aber auch Kritik: bei Bernhard Kegel, der spekulative Ausflüge in eine "optimierte" Zukunft unternimmt; bei Simon Mawer und Charlotte Kerner, die von den Folgen gentechnischer Machbarkeit erzählen.

Ob wissenschaftlich interessierte Schriftsteller oder schreibende Wissenschaftler: Sie alle öffnen Fenster zu neuen Denklandschaften und Erzählwelten oder leisten ihren eigenwilligen Beitrag zum "public understanding of sciences". Der Wissenschaftler als Romancier ist beileibe kein neues Phänomen, aber ein neuerdings häufigeres: Carl Djerassi zum Beispiel, der "Vater der Pille", untersucht in seinen "Science in Fiction"-Romanen die "Stammeskultur" der Wissenschaftler und entwirft fiktionale Figuren und Handlungen auf autobiographischem Erfahrungs- und Wissenshintergrund; der Astrophysiker und Schriftsteller Alan Lightman kundschaftet die Grenzen zwischen strenger Rationalität und dem Spiel mit Assoziationen und Träumen aus; Valentin Braitenberg, Mediziner und Kybernetiker, geht mit erzählerischem Talent seinen philosophischen Interessen nach.

Auch von seiten der Wissenschaft wird also an der Brücke zwischen Science und Fiction gebaut, sei es im Roman oder im Sachbuch, das Identifikationsfiguren und spannende Geschichten schafft, um Pfade in den Dschungel komplexer Wissensgebiete zu schlagen. Während Denis Guedj fröhlich fabuliert und die Mathematik als Undercover-Helden in seine Romane einschmuggelt, bleibt Simon Singh auf dem Boden der mathematischen Theoreme, die er in trickreich fesselnde Stories kleidet; ähnlich erzählerisch entschlüsselt der Soziobiologe Matt Ridley die Geschichte des menschlichen Genoms und die Facetten der Evolution.

Die Science Fiction ist das belletristische Genre, dem die Beschäftigung mit Wissenschaft Programm — und bereits im Namen eingeschrieben - ist. Seismographisch zeichnet sie die Entwicklung der Technik auf, euphorisch oder warnend, projiziert Sehnsüchte und Befürchtungen der Gegenwart auf die "Leinwand der Zukunft".

Auch hier sind die Übergänge fließend geworden. Wo ist die Grenze zwischen Science und Fiction angesichts all der Zukunftsromane, die auf den Schienen der Gegenwart nur ein bißchen weiter fahren und angesichts einer Wissenschaft, die mit Siebenmeilenstiefeln futuristische Visionen überholt? Und wo ist die Grenze zwischen literarischer Imagination des Möglichen und SF-Szenarien?

Michael Wallner z.B. läßt sich vom phantastischen Potential der theoretischen Physik anregen, Klaus Heilmann läßt einen Advanced-Technology-Schutzengel auf der Erde sein kurioses Unwesen treiben, und Tobias O. Meißner schickt seinen Helden auf Nimmerwiedersehen in den Cyberspace. Wie Marlene Streeruwitz und Marcus Hammerschmitt experimentiert er mit den gedanklichen und literarischen Spielmöglichkeiten des Genres. Herbert W. Franke und Carl Amery, die beiden Doyens der zeitgenössischen deutschen Science Fiction, durchmessen (virtuellen) Raum und Zeit in ihren zivilisationskritischen Fiktionen. Bestsellerautor Philip Kerr malt in seinen rasanten High-Tech-Thrillern so plausible wie bedrohliche Zukunftsbilder, während in den Raumanzügen von Barbara Slawigs Helden die Frauen und Männer von heute stecken. Bruce Sterling, einer der Kultautoren des Cyberpunk, entwirft in seinen Romanen treffsichere Visionen einer hochtechnisierten Zukunft und erzählt von den Schrecken erfüllter Menschheitsträume, und N.Lee Wood erprobt Überlebenstechniken in einer gewalttätigen Welt von morgen.

Prognosen? Nein. Aber vielleicht doch prophetische Phantasien. Wie stehen SF-Autoren und Zukunftsforscher zur Frage, ob die Zukunft vorhersehbar ist? Das wird im Podiumsgespräch "Odyssee 2001" verhandelt. Und welche "utopischen Welten" in den letzten 100 Jahren als bewegte Bilder geschaffen wurden, zeigt die gleichnamige Filmreihe im Atelier.

"Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist", meinte Johann Nestroy. Allerdings ist der Mensch als biologisches Mängelwesen, auf technische Weltbewältigung angewiesen, inzwischen rasant fortgeschritten auf dem Weg, die Schöpfung neu zu kreieren. Das gibt allen Grund zu verschärfter Aufmerksamkeit.

Biotechnologie, Hirnforschung, Kybernetik und Computerwissenschaft sind dabei, den Konstruktionsplan der Natur zu entziffern, zu kopieren und zu optimieren, bessere Wesen und bessere Welten zu erschaffen. Wie weit die "zweite Schöpfung" schon gediehen ist und wohin die Reise geht, das ist Thema der Kurzvorträge und Dialoge mit Ian Wilmut, dem Vater des Klon-Schafs "Dolly", mit Valentin Braitenberg, der über Künstliche Intelligenz forscht, und mit der Wissenschaftsjournalistin Margaret Wertheim. Während diese die Verheißungen des Cyberspace aus kulturhistorischer Perspektive betrachtet, reitet Clifford Stoll, einer der Pioniere des Internet, heftige Attacken gegen die allgegenwärtige Netzwelt.

In der Literatur stößt die Wissenschaft, die das Tor zu einer lebens- und liebenswerteren Zukunft öffnen will, eher auf Mißtrauen (hier lebt die Metapher vom Zauberlehrling fort); grundsätzlich aber gilt: Machbarkeitsphantasien faszinieren, und an der Börse lösen einstige Metaphern der Zivilisationsangst wie Frankenstein oder Big Brother euphorische Reaktionen aus. Die Forschung hat inzwischen gelernt, auf der Klaviatur der Medien zu spielen, zunächst im Dienst der Information und Aufklärung, aber auch, um - im Kampf um Fördermittel - die Zukunftsträchtigkeit ihres Tuns darzulegen, ihren Status als Hoffnungsträger für ein säkulares Glücksstreben zu festigen. Darüber wird auf dem Podium "Mythos Wissenschaft" diskutiert. "Science goes public" hat aber auch eine andere, editorische Seite, die in einem Gespräch über aktuelle Trends und Tendenzen im Sachbuchbereich beleuchtet wird, und die Bayerische Akademie der Wissenschaften zeigt frühe Formen popularisierender Wissenschaft, deren "Buch der Natur" sogar Fabelwesen bevölkern. Daß Fiktionen, Visionen, Imagination auch in den "exakten Wissenschaften" von heute ihren festen Platz haben veranschaulichen Ernst Peter Fischer und Sigrid Weigel in der Veranstaltung "Fiction in Science". Um die Frage, wie eigentlich Erfindungen und neue Theorien entstehen, geht es in "Der Funke der Kreativität" - der in Literatur und Wissenschaft möglicherweise auf ganz ähnliche Weise zündet.

Science in Fiction und Fiction in Science — ein enormes Themenfeld, das die Internationale Frühjahrsbuchwoche versuchsweise abstecken, ein Stück weit durchdringen und anregen will zu weiterer Eroberung. Die fruchtbaren Reibungsflächen zwischen "schöner Literatur" und "exakten Naturwissenschaften" werden und müssen bleiben. Im Experimentalraum literarischer Phantasmagorien nehmen die Ängste und Sehnsüchte Gestalt an, die die magische Aura der Forschung vage heraufbeschwört; hier werden wissenschaftlichen Thesen und Erkenntnisse mit eigenen Parametern vermessen und ganz anders gesehen und gedeutet als unter wissenschaftlich mikroskopischem Licht. Im literarischen Kosmos werden Zusammenhänge erkennbar und Einsichten ausgeleuchtet, die in der Gemengelage von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik verborgen bleiben. Und vielleicht — eine Utopie? — wachsen die Sinn- und Deutungssysteme zu einer neuen, gemeinsamen Erzählung der Welt zusammen.

Eva Schuster, Andreas Trojan, Florian Hildebrand

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