Mit über 20 Autorinnen und Autoren aus aller Welt zeigt die 11. Internationale Frühjahrsbuchwoche ein Panorama der internationalen Großstadt-Literatur

 

Die Haut. Der Raum. Das Haus. Die Stadt. Ohne Hüllen wie diese wäre der Mensch nicht lebensfähig, gäbe es weder Schutz noch Zugehörigkeit. Die Stadt vor allem bündelt Ideen und Ideale von Freiheit, Humanität und Selbstverwirklichung. Städtischer Raum ist mehr als ein geographischer Ort. Er ist Konfliktgelände und Diskurs, Reibungsfläche, Resonanzboden, Reservoir und Experimentierfeld von Lebensformen, und Architektur spiegelt die Geometrie des sozialen Zusammenlebens. Die Stadt ist ein soziokulturelles Geflecht, ein explosives Terrain der Gegensätze wie Armut-Reichtum, Öffentlichkeit und Anonymität, Tradition und Innovation. Aber sie ist auch die Mittlerin zwischen Kulturen und Identitäten, ein Erlebnispark, eine Quelle der Inspiration. Sie ist, kurzum, "die Biographie des Menschengeschlechts", wie der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss das nannte.
"Sich an ihren Flanken reiben heißt so viel wie zu Leben kommen", sagt Paul Nizon, der Schweizer in Paris, der Flaneur, der täglich in das "steinerne Universum" abtaucht, in dieses Textgewebe visueller und akustischer und optischer Reize, Zeichen, Bilder, Wörter. Von „Metropole“ spricht Nizon nicht gerne, lieber von der "Weltstadt als der grossen Fremden", die uns zugleich "eine Art geistiges Heimatangebot" macht, weil ihre künstlerischen Reflexe, Film, Literatur, Malerei, zu "Provinzen unseres eigenen Wesens" geworden sind. Und nirgendwo sind die Künste so vielfältig, sind Literatur und literarisches Leben so produktiv wie "im Dickicht der Städte"; zumindest zu Beginn der Moderne, als Literaten die Stadt als Sparringspartner, Kampfplatz, Heldin und strukturbildendes Modell entdeckten.
Was aber geschieht mit diesem "Laboratorium der Moderne" in postpost-moderner Zeit? Was, wenn die Metropolen als kulturelle, politische, wirtschaftliche Schaltzentralen entmachtet, wenn sie uniform werden, weil Global Player regieren anstelle lokal verwurzelter Bürger? Wenn Kommunikation entortet wird und sich der Standort Stadt erübrigt? Wenn alles im Fluß ist und "das Leben - ein Drift", wie der Soziologe Richard Sennet diagnostiziert? Anlaß für eine Bestandsaufnahme über Funktionen, Erwartungen, Hoffnungen - mit Blick auf "Weltstädte - Stadtwelten". Und wer könnte das besser als Literaten und ihre Fiktionen, die Projektionsflächen gelebten Lebens und nicht gelebter Potentiale?
Geoff Nicholson zum Beispiel folgt klassischen Vorbildern und legt seinem Roman „London, London“ den Stadtführer "London von A-Z" zugrunde. Ihn interessiert die jeweils individuelle Version einer Stadt, die sich jeder zu Eigen macht.
Paul Nizon – Geoff Nicholson, zwei von über 20 Autoren/innen aus aller Welt. Denn die Internationale Frühjahrsbuchwoche gilt diesmal nicht einem Land oder einer Region, sondern wagt ein Panorama literarischer Stadtgesichter zwischen São Paulo und Hongkong, London und Harare.
Und sie geht vor Ort:
Zur "Ortszeit" (jeweils 18 bzw. 17 Uhr) lesen Schaupieler des Residenztheaters und Autorinnen wie Doris Dörrie Großstadt-Texte in der U-Bahn. "Fremde" Schriftsteller/innen führen durch das uns "vertraute" München; der Lyriker Ping-kwan Leung aus Hongkong etwa nähert sich kulinarisch.
Lesungen und Dialoge (täglich 19 Uhr) weisen nach Lima, New York, Moskau und anderswo. Der Romancier und Theaterdirektor Elias Khoury zeigt mit Beirut die Stadt als Tresor menschlicher Erinnerung. Der Seefahrer und Sinnsucher „Ulysses“ alias Rufus Beck strandet in der Lukaskirche. Christian Brückner, die deutsche Stimme Robert de Niros, liest Harlem-Krimis von Chester Himes im Polizeipräsidium. Tatort- und Roman-Autor Friedrich Ani trifft seine Berliner Kollegin Pieke Biermann im Bahnhofsviertel. Andere lesen im Museum oder, wie bisher, in Buchhandlungen, Cafés, in der Monacensia, im Literaturhaus und zur "Ortszeit Hanoi" im Goethe-Forum. Sie porträtieren ihre Städte und reden,
bei Diskussionen (täglich 21 Uhr) über „Stadtflucht“ und den „Fluchtpunkt Stadt“, über die Stadt als „Politischen Brennpunkt“ und die „Erzählte Stadt“, als Text und Topos. Sie entwerfen „Stadtansichten“ aus professioneller Sicht eines Architekten (Bogdan Bogdanovic, der Essayist und frühere Bürgermeister von Belgrad), eines Regisseurs (Peter Goedel, dessen Film "Tanger" erst zu sehen war), einer Schriftstellerin (Eva Demski) und eines Komponisten (Heiner Goebbels, der mit "Surrogate Cities" akustische Signale der Großstadt zu einer Symphonie verdichtete). Die deutschen Autoren Bodo Morshäuser, Hans Pleschinski und Kerstin Specht fragen „München-Berlin - ein Ort zum Schreiben?“.
Diskussions-Schwerpunkte wie diese strukturieren das facettenreiche Thema. Natürlich sind die Grenzen fließend. Wenn die "Corner Boys" durch Belfast streunen, dann porträtiert der Erfinder, der Autor und Psychologe Geoffrey Beattie, das Leben im Arbeitermilieu von Belfast ebenso wie Motive und Veränderungen des Menschen in einer Umgebung der Gewalt. Nik Cohn, der Biograph des Broadway, der Chronist des Underground und des Rock’n Roll, der die Vorlage zu „Saturday Night Fever“ schrieb, macht uns bekannt mit den Boxern, Huren, kleinen Fixern in New York, seinem Personal von „Manhattan Babylon“, fern von elitären Kulturmeilen, gerade recht für den Kunstpark Ost. "Ich bin ein Großstadtliterat. Die neue brasilianische Literatur ist die Literatur der Städte", sagte Ignácio de Loyola Brandão schon vor Jahren und setzte dem dörflichen Zauber des Magischen Realismus die rauhe Großstadtszenerie São Paulos entgegen. Auf der Internationalen Frühjahrsbuchwoche ist der Grandseigneur der urbanen brasilianischen Literatur endlich mal wieder in Deutschland zu erleben.
Folgen diese Autoren noch dem Stadt-Diskurs des klassischen Flaneurs Walter Benjamin? Sehen sie sich noch, wie Roland Barthes, als "Leser" im Textgebilde Stadt? Und was verbindet „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos mit „Manhattan Babylon“ von Nik Cohn? Für beide scheint Manhattan zunächst einmal ein Labyrinth der Lebenslinien, 1925 und 1999!
Vor dem Hintergrund klassischer 'Großstadtliteratur', im Schatten von Balzac, Dickens, Döblin wird gefragt: Welche Rolle spielt die Stadt heute in der Literatur der Weltregionen? Gibt es sie noch, die typischen Großstadtromane? Oder hat sich mit der Funktion der Stadt auch ihre Rolle für die Literatur verändert bzw. verlagert? Muß man Abschied nehmen vom Genre 'Großstadtliteratur', oder heißt Döblins Dampfkessel Berlin heute São Paulo? Wie weit trägt das Genre für eine Yvonne Vera aus Harare, einer Stadt, die Synonym ist für die Hoffnung armer Landflüchtiger? Wie schafft es Raj Kamal Jha, mit seiner leisen, unspektakulären Inzest-Geschichte ein Bild von Kalkutta zu zeichnen, das ohne Exotik und Folklore auskommt? Und was macht für ihn Großstadt aus? Wie sehr brauchen Crime Ladies wie Mo Hayder und Alexandra Marinina London und Moskau als Stimulus für ihre Kriminalromane? Und wie gelingt dem Lyriker José F.A.Oliver der Spagat zwischen Schwarzwald-Idyll und Lima, Poesie und Slums?
Innenansichten sind so wichtig wie der „Fremde Blick“, das heißt die Chance, aus der Distanz mehr zu erkennen, Zusammenhänge zu sehen wie der Historiker Karl Schlögel mit seinen Essays. Im Dialog mit dem Lyriker und Büchner-Preisträger Durs Grünbein schauen beide auf Moskau und Washington, zwei Machtzentren der Welt.
Tokio-Hamburg heißen die Koordinaten für Yoko Tawada, die Deutsch schreibt und Japanisch denkt oder vice versa? „Eine Existenz im Dazwischen“ jedenfalls, zwischen Städten und Kulturen; wie José Oliver, der deutschsprachige Dichter mit dem spanischen Paß; wie Stevan Tontic, der Exilant zwischen Sarajevo und Berlin, oder der Algerier Hamid Skif, der vor den Morddrohungen von Fundamentalisten seines Landes nach Hamburg floh.
Die 11.Internationale Frühjahrsbuchwoche kann nicht den Globus spiegeln, aber sie ermöglicht Kopfreisen in alle Welt. Wichtig sind uns Autoren/ innen, die "Stadt" zum Thema machen. Möglich sind Begegnungen mit prominenten Gästen ebenso wie Neu- und Wieder-Entdeckungen.
Ein Star der Kunst-Szene, Michelangelo Pistoletto, sprengt am Ende, vor dem Aufbruch nach „Digital City“, schon mal die Grenzen der Fiktion. Während der Medienphilosoph Florian Rötzer den medialen „Auszug aus der Stadt“ erklärt und der Architekt Peter Haimerl mit „Zoom Town“ die medientechnisch bestimmte Architektur der Zukunft skizziert, blickt Pistoletto auf eine reale „Stadtgesellschaft“ von heute und auf sein interdisziplinäres Projekt einer „Cittadellarte“, in die er seinen norditalienischen Heimatort verwandelte. Damit sind wir zurück in der „Heimat Stadt“, dort, wo Paul Wühr die Frühjahrsbuchwoche mit seiner Collage „Gegenmünchen“ eröffnete. Zum Ende der 12tägigen Weltreise besingen Roland Neuwirth und die Extremschrammeln ihre Heimatstadt Wien.
Wir danken unseren Gästen für ihr Kommen und wünschen dem Publikum aus München und von anderswo 12 Tage Urlaub in den „Weltstädten und Stadtwelten“!

Cornelia Zetzsche

 

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