|
Die Haut.
Der Raum. Das Haus. Die Stadt. Ohne Hüllen wie diese wäre der
Mensch nicht lebensfähig, gäbe es weder Schutz noch Zugehörigkeit.
Die Stadt vor allem bündelt Ideen und Ideale von Freiheit, Humanität
und Selbstverwirklichung. Städtischer Raum ist mehr als ein geographischer
Ort. Er ist Konfliktgelände und Diskurs, Reibungsfläche, Resonanzboden,
Reservoir und Experimentierfeld von Lebensformen, und Architektur spiegelt
die Geometrie des sozialen Zusammenlebens. Die Stadt ist ein soziokulturelles
Geflecht, ein explosives Terrain der Gegensätze wie Armut-Reichtum,
Öffentlichkeit und Anonymität, Tradition und Innovation. Aber
sie ist auch die Mittlerin zwischen Kulturen und Identitäten, ein
Erlebnispark, eine Quelle der Inspiration. Sie ist, kurzum, "die
Biographie des Menschengeschlechts", wie der französische Ethnologe
Claude Levi-Strauss das nannte.
"Sich an ihren Flanken reiben heißt so viel wie zu Leben kommen",
sagt Paul Nizon, der Schweizer in Paris, der Flaneur, der täglich
in das "steinerne Universum" abtaucht, in dieses Textgewebe
visueller und akustischer und optischer Reize, Zeichen, Bilder, Wörter.
Von Metropole spricht Nizon nicht gerne, lieber von der "Weltstadt
als der grossen Fremden", die uns zugleich "eine Art geistiges
Heimatangebot" macht, weil ihre künstlerischen Reflexe, Film,
Literatur, Malerei, zu "Provinzen unseres eigenen Wesens" geworden
sind. Und nirgendwo sind die Künste so vielfältig, sind Literatur
und literarisches Leben so produktiv wie "im Dickicht der Städte";
zumindest zu Beginn der Moderne, als Literaten die Stadt als Sparringspartner,
Kampfplatz, Heldin und strukturbildendes Modell entdeckten.
Was aber geschieht mit diesem "Laboratorium der Moderne" in
postpost-moderner Zeit? Was, wenn die Metropolen als kulturelle, politische,
wirtschaftliche Schaltzentralen entmachtet, wenn sie uniform werden, weil
Global Player regieren anstelle lokal verwurzelter Bürger? Wenn Kommunikation
entortet wird und sich der Standort Stadt erübrigt? Wenn alles im
Fluß ist und "das Leben - ein Drift", wie der Soziologe
Richard Sennet diagnostiziert? Anlaß für eine Bestandsaufnahme
über Funktionen, Erwartungen, Hoffnungen - mit Blick auf "Weltstädte
- Stadtwelten". Und wer könnte das besser als Literaten und
ihre Fiktionen, die Projektionsflächen gelebten Lebens und nicht
gelebter Potentiale?
Geoff Nicholson zum Beispiel folgt klassischen Vorbildern und legt seinem
Roman London, London den Stadtführer "London von
A-Z" zugrunde. Ihn interessiert die jeweils individuelle Version
einer Stadt, die sich jeder zu Eigen macht.
Paul Nizon Geoff Nicholson, zwei von über 20 Autoren/innen
aus aller Welt. Denn die Internationale Frühjahrsbuchwoche gilt diesmal
nicht einem Land oder einer Region, sondern wagt ein Panorama literarischer
Stadtgesichter zwischen São Paulo und Hongkong, London und Harare.
Und sie geht vor Ort:
Zur "Ortszeit" (jeweils 18
bzw. 17 Uhr) lesen Schaupieler des Residenztheaters und Autorinnen wie
Doris Dörrie Großstadt-Texte in der U-Bahn. "Fremde"
Schriftsteller/innen führen durch das uns "vertraute" München;
der Lyriker Ping-kwan Leung aus Hongkong etwa nähert sich kulinarisch.
Lesungen und Dialoge (täglich 19
Uhr) weisen nach Lima, New York, Moskau und anderswo. Der Romancier und
Theaterdirektor Elias Khoury zeigt mit Beirut die Stadt als Tresor menschlicher
Erinnerung. Der Seefahrer und Sinnsucher Ulysses alias Rufus
Beck strandet in der Lukaskirche. Christian Brückner, die deutsche
Stimme Robert de Niros, liest Harlem-Krimis von Chester Himes im Polizeipräsidium.
Tatort- und Roman-Autor Friedrich Ani trifft seine Berliner Kollegin Pieke
Biermann im Bahnhofsviertel. Andere lesen im Museum oder, wie bisher,
in Buchhandlungen, Cafés, in der Monacensia, im Literaturhaus und
zur "Ortszeit Hanoi" im Goethe-Forum. Sie porträtieren
ihre Städte und reden,
bei Diskussionen (täglich 21 Uhr)
über Stadtflucht und den Fluchtpunkt Stadt,
über die Stadt als Politischen Brennpunkt und die Erzählte
Stadt, als Text und Topos. Sie entwerfen Stadtansichten
aus professioneller Sicht eines Architekten (Bogdan Bogdanovic, der Essayist
und frühere Bürgermeister von Belgrad), eines Regisseurs (Peter
Goedel, dessen Film "Tanger" erst zu sehen war), einer Schriftstellerin
(Eva Demski) und eines Komponisten (Heiner Goebbels, der mit "Surrogate
Cities" akustische Signale der Großstadt zu einer Symphonie
verdichtete). Die deutschen Autoren Bodo Morshäuser, Hans Pleschinski
und Kerstin Specht fragen München-Berlin - ein Ort zum Schreiben?.
Diskussions-Schwerpunkte wie diese strukturieren das facettenreiche Thema.
Natürlich sind die Grenzen fließend. Wenn die "Corner Boys"
durch Belfast streunen, dann porträtiert der Erfinder, der Autor und Psychologe
Geoffrey Beattie, das Leben im Arbeitermilieu von Belfast ebenso wie Motive
und Veränderungen des Menschen in einer Umgebung der Gewalt. Nik Cohn,
der Biograph des Broadway, der Chronist des Underground und des Rockn
Roll, der die Vorlage zu Saturday Night Fever schrieb, macht
uns bekannt mit den Boxern, Huren, kleinen Fixern in New York, seinem
Personal von Manhattan Babylon, fern von elitären Kulturmeilen,
gerade recht für den Kunstpark Ost. "Ich bin ein Großstadtliterat.
Die neue brasilianische Literatur ist die Literatur der Städte",
sagte Ignácio de Loyola Brandão schon vor Jahren und setzte
dem dörflichen Zauber des Magischen Realismus die rauhe Großstadtszenerie
São Paulos entgegen. Auf der Internationalen Frühjahrsbuchwoche
ist der Grandseigneur der urbanen brasilianischen Literatur endlich mal
wieder in Deutschland zu erleben.
Folgen diese Autoren noch dem Stadt-Diskurs des klassischen Flaneurs Walter
Benjamin? Sehen sie sich noch, wie Roland Barthes, als "Leser"
im Textgebilde Stadt? Und was verbindet Manhattan Transfer
von John Dos Passos mit Manhattan Babylon von Nik Cohn? Für
beide scheint Manhattan zunächst einmal ein Labyrinth der Lebenslinien,
1925 und 1999!
Vor dem Hintergrund klassischer 'Großstadtliteratur', im Schatten
von Balzac, Dickens, Döblin wird gefragt: Welche Rolle spielt die
Stadt heute in der Literatur der Weltregionen? Gibt es sie noch, die typischen
Großstadtromane? Oder hat sich mit der Funktion der Stadt auch ihre
Rolle für die Literatur verändert bzw. verlagert? Muß
man Abschied nehmen vom Genre 'Großstadtliteratur', oder heißt
Döblins Dampfkessel Berlin heute São Paulo? Wie weit trägt
das Genre für eine Yvonne Vera aus Harare, einer Stadt, die Synonym
ist für die Hoffnung armer Landflüchtiger? Wie schafft es Raj
Kamal Jha, mit seiner leisen, unspektakulären Inzest-Geschichte ein
Bild von Kalkutta zu zeichnen, das ohne Exotik und Folklore auskommt?
Und was macht für ihn Großstadt aus? Wie sehr brauchen Crime
Ladies wie Mo Hayder und Alexandra Marinina London und Moskau als Stimulus
für ihre Kriminalromane? Und wie gelingt dem Lyriker José
F.A.Oliver der Spagat zwischen Schwarzwald-Idyll und Lima, Poesie und
Slums?
Innenansichten sind so wichtig wie der Fremde Blick, das heißt
die Chance, aus der Distanz mehr zu erkennen, Zusammenhänge zu sehen
wie der Historiker Karl Schlögel mit seinen Essays. Im Dialog mit
dem Lyriker und Büchner-Preisträger Durs Grünbein schauen
beide auf Moskau und Washington, zwei Machtzentren der Welt.
Tokio-Hamburg heißen die Koordinaten für Yoko Tawada, die Deutsch
schreibt und Japanisch denkt oder vice versa? Eine Existenz im Dazwischen
jedenfalls, zwischen Städten und Kulturen; wie José Oliver,
der deutschsprachige Dichter mit dem spanischen Paß; wie Stevan
Tontic, der Exilant zwischen Sarajevo und Berlin, oder der Algerier Hamid
Skif, der vor den Morddrohungen von Fundamentalisten seines Landes nach
Hamburg floh.
Die 11.Internationale Frühjahrsbuchwoche kann nicht den Globus spiegeln,
aber sie ermöglicht Kopfreisen in alle Welt. Wichtig sind uns Autoren/
innen, die "Stadt" zum Thema machen. Möglich sind Begegnungen
mit prominenten Gästen ebenso wie Neu- und Wieder-Entdeckungen.
Ein Star der Kunst-Szene, Michelangelo Pistoletto, sprengt am Ende, vor
dem Aufbruch nach Digital City, schon mal die Grenzen der
Fiktion. Während der Medienphilosoph Florian Rötzer den medialen
Auszug aus der Stadt erklärt und der Architekt Peter
Haimerl mit Zoom Town die medientechnisch bestimmte Architektur
der Zukunft skizziert, blickt Pistoletto auf eine reale Stadtgesellschaft
von heute und auf sein interdisziplinäres Projekt einer Cittadellarte,
in die er seinen norditalienischen Heimatort verwandelte. Damit sind wir
zurück in der Heimat Stadt, dort, wo Paul Wühr die
Frühjahrsbuchwoche mit seiner Collage Gegenmünchen
eröffnete. Zum Ende der 12tägigen Weltreise besingen Roland
Neuwirth und die Extremschrammeln ihre Heimatstadt Wien.
Wir danken unseren Gästen für ihr Kommen und wünschen dem
Publikum aus München und von anderswo 12 Tage Urlaub in den Weltstädten
und Stadtwelten!
Cornelia
Zetzsche
|