Ortszeit Hanoi
Ein literarisches Stadtportrait

Lesung und Gespräch mit Pham Tien Duat, Y Ban und Nguyen Huy Thiep.
Moderation: Günter Giesenfeld
Donnerstag, 16. März 2000, 19.00 Uhr
Goethe-Forum, Dachauer Straße 122

In Hanoi stehen derzeit nicht so sehr Probleme der Literatur im Vordergrund. Intensiv und direkt betroffen sind die Menschen dort viel eher von den Begleiterscheinungen des Prozesses der „Öffnung“, der Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien, von geglückten oder gescheiterten Experimenten im wirtschaftlichen und politischen Bereich.
So wird in Hanoi zur Zeit ein Kampf um die Erhaltung der Altstadt ausgefochten. Das Interesse, ein modernes Wirtschaftszentrum zu errichten, kollidiert mit der Bewahrung des reichen architektonischen Erbes. Was für den Lebensraum Stadt gilt, bestimmt auch das Bewusstsein der Menschen: die Erfahrung des Widerspruchs zwischen Tradition und Modernisierung, wie sie in der Geschichte Vietnams wohl noch nie so direkt und intensiv aufgetreten ist.
In der Literatur spiegelt sich diese Auseinandersetzung. Die jungen Schriftsteller sind mit einer doppelten Tradition konfrontiert. Auf der einen Seite das klassische Erbe, das fast hundert Jahre lang von der Kolonialmacht Frankreich unterdrückt oder marginalisiert wurde. Auf der anderen die revolutionäre Literatur, die mit dem Kampf gegen Kolonialismus und ausländische Aggression entstanden ist. Während die traditionelle Kultur nach dem Krieg wieder neu entdeckt wurde, verloren die Heldengeschichten aus dem Großen Kampf um die Unabhängigkeit ihre Aktualität und trafen bei der jungen Generation teils auf Desinteresse, teils auf Ablehnung.
Eine Form dieser Ablehnung ist ein neuer, schonungsloser Realismus, der gegenüber dem Thema Krieg einen radikalen Perspektivwechsel vollzieht, Zweifel am Sinn des Widerstandskampfs anmeldet und damit an ein nationales Tabu rührt und den Konsens über die Vergangenheit in Frage stellt – für eine konfuzianisch geprägte Gesellschaft ein ungeheuerlicher Vorgang. Nirgends ist diese intellektuelle Auseinandersetzung härter als in Hanoi, wo die Vergangenheit noch sichtbar und fühlbar ist.

Günter Giesenfeld

Eine Veranstaltung des Goethe Forums in Zusammenarbeit mit der Internationalen Frühjahrsbuchwoche. Karten: 12,- DM (erm. 8,- DM) Vorverkauf an allen bekannten Vorverkaufsstellen und über München Ticket, Telefon 54 81 81 81. Abendkasse ab 18.00 Uhr

 

Die AutorInnen

Pham Tien Duat wurde 1941 in der Provinz Phu Tho geboren. Sein Vater war Lehrer für Chinesisch und Französisch, seine Mutter eine Bäuerin, die nicht lesen und schreiben konnte. Schon in frühen Jahren verließ er die Familie und studierte weit weg von der Heimat. Nach seinem Studienabschluß ging er zur Armee und kämpfte während des gesamten Vietnamkriegs am Ho Chi Minh-Pfad. In dieser Zeit begann er Gedichte zu schreiben und ist heute einer der bekanntesten Lyriker Vietnams. Darüber hinaus ist er auch als Journalist tätig, leitet im Schriftstellerverband die Abteilung für auswärtige Beziehungen und ist Herausgeber der seit 1999 erscheinenden englischsprachigen Zeitschrift Vietnam Literature Review. In der vietnamesischen Öffentlichkeit ist er auch durch seine Fernsehsendungen über Poesie und Musik bekannt.

Y Ban, 1961 in der Stadt Nam Dinh geboren, studierte zunächst Medizin und lehrte an der Medizinischen Hochschule von Thai Binh, bis sie ihre Liebe zur Literatur entdeckte und das Nguyen-Du-Literaturinstitut Hanoi besuchte. Einer ihrer ersten Texte, die Kurzgeschichte Offener Brief an die Mutter Au Co erregte Aufsehen beim Vietnam Literaturforum im Jahre 1989 und wurde mit einem Preis ausgezeichnet. Ebenfalls prämiert wurde 1993 der Erzählband Nguoi dan ba co ma luc (Die Zauberin), dem inzwischen viele weitere gefolgt sind. Derzeit arbeitet die Autorin außerdem für die Zeitung Giao Duc va Thoi Dai (Erziehung in unserer Zeit).

Nguyen Huy Thiep, 1950 in Hanoi geboren, studierte zunächst Geschichte und wurde Lehrer im Bergland von Son La. Dort entstanden seine ersten literarischen Werke. Thiep kehrte nach Hanoi zurück, nahm eine Stelle im Erziehungsministerium an und arbeitete als Illustrator. 1987 erschien in der Kulturzeitschrift Van Nghe seine Erzählung Der pensionierte General, die ihn mit einem Schlag bekannt machte. Thiep wurde in Vietnam heftig kritisiert, fand aber auch prominente Verteidiger. Seither erscheinen regelmäßig Bände mit Kurzgeschichten und Novellen. Er ist einer der ganz wenigen modernen Autoren aus Vietnam, dessen Werke in westliche Sprachen übersetzt worden sind. Im Westen gilt er gelegentlich als eine Art Dissident, weil er sich gegen die offizielle Verklärung des Widerstandskampfes in der Literatur wendet, in Vietnam ist er einer der wichtigsten
Vertreter einer neuen Literatur, die ihre Bezugspunkte eindeutig in der Nachkriegszeit hat.

 

 

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