Die erzählte Stadt
Die Stadt als Protagonistin

Lesung und Gespräch mit Nik Cohn (New York)
und Geoff Nicholson (London/ New York)
Moderation: Gert Heidenreich
(in engl. Sprache)
Am 15. März, 21.00 Uhr, Muffatcafé

"Eine Stadt besteht aus unterschiedlichen Arten von Menschen; ähnliche Menschen bringen keine Stadt zuwege". Dieser Satz aus Aristoteles' „Politik“ zeigt: schon immer war und ist die Stadt ein Ort der Gegensätze und des Austausches, der Reibung und Widerständigkeit. Doch erst mit der Entstehung der klassischen Großstädte im 19. Jahrhundert wird eine Literatur initiiert, die die Stadt selbst als Gegenstand und Text entdeckt mit ihren Menschenströmen, Geräuschkulissen, Werbe- und Hinweistafeln. „Flanieren ist eine Art Lektüre der Stadt, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben“, notiert der Berliner Flaneur Franz Hessel.
Die drei Klassiker der "Großstadtliteratur" - James Joyces „Ulysses“, John Dos Passos' „Manhattan Transfer“ und Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ - sind zwischen 1922 und 1928 entstanden und waren eine literarische Antwort auf die existentielle Herausforderung der immer schneller wachsenden und unübersichtlicher werdenden Städte. Das fiktive Dublin, New York oder Berlin wurde zum Brennglas dieser jeweils besonderen Welterfahrung und zum Experimentierfeld für neue Wahrnehmungs- und Ausdrucksformen: Puzzle aus Impressionen und Ansichten, Zitaten und Bildmontagen, Überblendungen, Schwenks und Schnitten wie im Film. Inzwischen leben weltweit mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land, „Großstadttexte“ sind Legion. Welche Stimme hat die Stadt heute, und wie wird sie erzählt?

Auf den Spuren von Dos Passos’ entwirft Nik Cohn in „Manhattan Babylon“ das Bild New Yorks als Reflex seiner Protagonisten auf die pulsierende Metropole. Seine Figuren bewegen sich durch die Straßen New Yorks und reagieren dabei ständig auf die Flut der Bilder und Ereignisse, die Gerüche, den Lärm und die Hitze. Cohn erzählt die Stadt als ein Gewirr von Lebensläufen, die er streift, verfolgt und wieder aus den Augen verliert. So entsteht ein Kaleidoskop aus Alltagssplittern, das schon im nächsten Augenblick wieder auseinander fällt. Die Sicht bleibt fragmentarisch und zufällig. Einzige Instanz und immer präsent dagegen ist die Stadt selbst.

Nik Cohns New York ist die große Erzählerin, aber als Ganzes unsichtbar für ihre Figuren. Geoff Nicholsons Figuren dagegen konfrontieren sich unmittelbar mit der Stadt; sie sind besessen von ihr, erobern sie und verschmelzen mit ihr, denn "ein Mensch ist wie eine Stadt, ein Ort des Verfalls, der Agonie, des Neuaufbaus, der Grenzziehungen, und gelegentlich wird etwas unter Denkmalschutz gestellt. Aber es gibt keinen Bauplan, keinen narrensicheren Stadtplan, keinen Wegweiser". Ein Führer durch den Roman ist der „London A-Z“, den alle Figuren in der Tasche haben. Doch jeder liest und gebraucht ihn anders, er dient als Folie für die „mental maps“ in den Köpfen der Figuren.

Wie wird also die Stadt heute erzählt, und erzählen unterschiedliche Städte anders? Welche literarischen Traditionen bestimmen unsere Wahrnehmung, und welche Wahrnehmungen evozieren neue Ausdrucksformen? Wie beziehen sich Erzähler, Text und Stadt aufeinander? Wie begegnet uns die Stadt in der Literatur – die Stadt als Moloch, als Hure Babylon, als Geliebte – und wie begegnen wir vielleicht darin auch uns selbst?

Katrin Dirschwigl

 

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