Stadtansichten oder: Der professionelle Blick

Diskussion mit Bogdan Bogdanovic, Eva Demski, Heiner Goebbels
und Peter Goedel
Moderation: Dieter Heß
Mittwoch, 22.März, 21.00 Uhr, im Stadtmuseum

„Wenn man alle Städteschilderungen, die es gibt, nach dem Geburtsorte der Verfasser in zwei Gruppen teilen wollte, dann würde sich bestimmt herausstellen, dass die von Einheimischen verfaßten sehr in der Minderzahl sind. Der oberflächliche Anlass, das Exotische, Pittoreske wirkt nur auf Fremde. Als Einheimischer zum Bild einer Stadt zu kommen, erfordert andere, tiefere Motive. Motive dessen, der ins Vergangene statt ins Ferne reist.“ Walter Benjamins Unterscheidungsversuch von 1929 galt der „Wiederkehr des Flaneurs“ Franz Hessel, aber er hat bestechende Aussagekraft behalten. Andererseits beschreibt er nur eine einzige Eigenschaft eines Stadtgängers, die seiner Herkunft, und er beschreibt schon gar nicht die Stadt selbst, ihre Grammatik und ihre Melodie, ihre Lockstoffe aus Duft, Geruch und Gestank, ihre Texte und Räume und Zwischenräume, ihre Klänge, Samples und ihr Rauschen, ihren seriellen Charakter, wie er bei „endlosen“ Kamerafahrten erfahrbar ist . Die Stadt als Angebot.
Vier Menschen und ihre Stadtansichten, vier Menschen mit dem trainierten Blick - nein: mit der Fähigkeit, Gesehenes, Gespürtes, Gehörtes, Geschmecktes und Gerochenes in einer Grammatik der Sinne so zu deklinieren und neu zu arrangieren, dass das Gesamtkunstwerk Stadt interpretierbar wird, verständlicher oder auch nur: in all seinen Geheimnissen zu erfahren (ohne sie je ganz zu offenbaren!).
Die Schriftstellerin Eva Demski, die sich in Stadt-Land-Topographien bewegt von Regensburg nach Venedig und auf die Insel Lesbos, neugierig auf die Menschen überall, am Ende städtisches Vielfach-Leben in der Metapher des Hochhauses, einem Narrenhaus, komprimierend.
Der Komponist und Hörspielautor Heiner Goebbels, wie Eva Demski in Frankfurt zuhause, dem die Stadt Projektionsfläche für die Zerrissenheiten, steten Veränderungen ist, der in „Surrogate Cities“ (eine vielstimmige, multimediale Materialsammlung, unfertig wie die Stadt selbst, finster, hektisch und monoton), Lärmströmen folgt durch die „Unwirtlichkeit unserer Städte“.

Der Filmemacher Peter Goedel, Münchner Bundesfilmpreisträger („Das Treibhaus“ nach Wolfgang Koeppen), in den letzten Jahren filmisch unterwegs in Tunis und Tanger - Städten, die Spiegelungen des Himmels zu sein scheinen. Tanger, die Stadt als Drehscheibe westlicher Sehnsüchte und Verirrungen.
Und schließlich der Serbe Bogdan Bogdanovic, 77 Jahre alt, Architekt von internationalem Rang, ehemaliger Bürgermeister von Belgrad, seit 1993 im Exil in Wien lebend, ein enttäuschter Liebhaber der humanen Stadt und Verfasser trauriger Nekrologe. Bogdanovic schreibt seine Essays mit dem professionellen Blick des Architekten, dem die Stadt sehr viel mehr ist als die Summe ihrer Bauten; er erkennt und interpretiert das Zeichensystem Stadt, den Übergang von der „Polis“ zur Megalopolis, die Zerstörung von Baudenkmalen, also von Erinnerung.
Die Schriftstellerin, der Komponist, der Filmemacher und der Architekt leihen uns ihren Blick auf dem Weg durch ihre Städte. Sie entpuppen sich in ihrer Kunst als Konservatoren des Flüchtigen und Verschwindenden, und halten „tröstliche Abschiedsformeln“ (Walter Benjamin) bereit, denn nichts bleibt, wie es ist, und dafür ist die Stadt Indikator und Ursache in einem.

Dieter Heß

In Zusammenarbeit mit dem Tukan Kreis

 

 

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