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Der
fremde Blick oder: Ost-West-Passagen
Karl Schlögel
und Durs Grünbein im Gespräch
Moderation: Gerd Ruge
Dienstag, 21. März, 21.00 Uhr, Dichtung & Wahrheit
Längst
sind Washington und Moskau keine wirklichen Antipoden mehr, und wer nur
von den Machtzentralen der USA und Russlands spricht, macht
es sich zu einfach. Macht ist, wenn der Knopf, den man drückt, auch
etwas bewirkt. Insofern sind die Washingtoner Knöpfe um ein Vielfaches
effizienter (und auch sie sind ferngesteuert von ganz anderen Zentralen
der Macht! Wall Street! Cyber Space!! Digitaler Kapitalismus!!! Na, klingelts?)
Durs Grünbein und Karl Schlögel waren und sind vermutlich auch
keine Antipoden, allenfalls in ihren Denkrichtungen. In der Wahrnehmung
der Welt jedenfalls ist ihnen alles zuzutrauen: der genaue Blick, auch
gleiche Erkenntnisse, Diagnosen, Visionen. Vielleicht saßen sie
sogar schon einmal im gleichen Flugzeug von Berlin nach Moskau oder Washington,
reitend auf dem harmlosen Radarstrahl der internationalen Zivilluftfahrt,
sponsored by Pentagon, NASA, CIA und NSA. Zwei Pendler zwischen den Metropolen
dieser Welt.
Hier also Grünbein (37), der Büchner-Preisträger des Jahres
1995, der über ein feinverdrahtetes Antennensystem für Innen
und Außen verfügt (Schädelnervensystem!),
ein Poet als junger Grenzhund (Heiner Müller), immer
unterwegs, auch zuhause - und dort Schlögel, der 14 Jahre ältere
Professor an der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder, immer noch
und immer wieder freudig erstaunt über das Wunder von Nishnij
und die Rückkehr der Städte und all die anderen Sensationen
nach 1989: Wer kennt sie besser, die labilen, umstrittenen, umkämpften
neuen Machtzentralen des Ostens vor, während und nach Jelzin ?! Die
millionenschweren Leute mit den Dollar- und Atom-Koffern und die Millionen
armen Leute um sie herum. Spannend! Wer weiß schon, wie das alles
ausgehen wird?!
Schlögel kennt sie, kennt ihre Routen und Ziele, und hat nicht zuletzt
auch noch den Menschen im Blick, die kleinen Händler und verbitterten
Rentner, die jungen Abenteurer der Marktwirtschaft und die stolzen Konsumentinnen
mit den Handys und den Gucci-Tüten. Sie alle: die Verschiebemasse
der neuen Machteliten. Er: Ein Historiker mit dem denkbar größten
Faible für die Wirklichkeit in den Straßen, ein souveräner
Wanderer durch ost- und mitteleuropäische Stadtlandschaften und zugleich
präziser Interpret des Textes Stadt - etwa in seinem
ersten wichtigen Buch, Moskau lesen (Siedler 1984).]
Grünbein
ist anders. Er schreibt nicht auf, was er sieht, sondern sieht sich und
- beschreibt seine Suche nach dem lyrischen Bild. Los Angeles zum Beispiel,
ein wucherndes Territorium, ist für ihn ein Frontalangriff
auf das Gedächtnis und die Hauptstadt des Vergessens.
Anders als Schlögel, der Flaneur mit dem photographischen Blick,
durchpflügt Grünbein im Auto, ziellos und gerne nachts, die
Metropole: ein geschichtsloses Etwas, voller künstlicher Kontraste,
sonnengleißend und billig ... Anders als New Yorks Asphaltdschungel.
Ein Künstler, der die Rolle des Künstler schmerzhaft genau reflektiert
- in Transit Berlin zum Beispiel: Heute ist der Künstler
nur noch punktuell fassbar, der größere Teil seiner Arbeit,
ob immateriell oder strategisch über die Erde verstreut, bleibt auf
der Flucht oder hat sich längst schon wieder in die Dingwelt, in
den Alltag davongemacht. Bleibt als Heimat nur ein transitorischer,
ein Nicht-Ort: Die Medien mit ihrer Flüchtigkeit aller Ansätze.
Schlögel
und Grünbein in einem Diskurs über den Blick von draußen,
noch einmal (vielleicht zum letzten Mal) nach Westen und Osten getrennt.
Weißes Haus oder Kreml - erkennen Sie die Melodie ?
Dieter
Heß
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