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Fluchtpunkt
Stadt/ Stadtflucht
Diskussion
mit Yvonne Vera (Harare), José
Oliver (Hausach/ Lima), Geoff Nicholson
(London) Raj Kamal Jha (Kalkutta),
Moderation: Tilman Spengler
(engl. mit Simultanübersetzung)
Sonntag, 19. März, 21.00 Uhr, im Literaturhaus
Stadt
- lange galt dieses Wort als Synonym für Sicherheit, Gerechtigkeit
und ein besseres Leben. Orientiert am Idealbild des Himmlischen
Jerusalem aus der Apokalypse des Johannes, verkörperte die
Stadt den Traum von der gerechten Gesellschaft: weder Tod noch Trauer,
weder Klage noch Mühsal, lautete das Versprechen. Schützende
Mauern sollten die Guten von den Bösen trennen. Stadt und Land -
ein Gegensatzpaar wie Himmel und Hölle: Die Seligkeit ist eine
wunderschöne Stadt, wo Friede und Freude kein Ende mehr hat,
heißt es in Hanneles Himmelfahrt von Gerhart Hauptmann.
Die Zeiten, in denen sich die Städte durch zinnengekrönte Mauern
von der chaotischen Außenwelt abgrenzen konnten, sind längst
vorbei, vor allem angesichts monströs wuchernder Mega-Cities. Doch
vom Glauben an die himmlische Stadt ist ein beharrlicher Reflex
geblieben: Von der Hoffnung auf ein besseres Leben getrieben, ziehen
vor allem in Afrika, Asien und Lateinamerika - Millionen von Menschen
in die Städte, wo heute schon fast die Hälfte der sechs Milliarden
Erdbewohner lebt. Immer deutlicher tritt aber auch die Kehrseite der Urbanisierung
zu Tage: Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Ghettoisierung, Gewaltkriminalität.
Hells Kitchen - geradezu pittoresk mutet der Name eines
kleinen Stadtteils von Manhattan an, vor dem Reiseführer gewöhnlich
warnen; No go areas ist die Bezeichnung für ganze Stadtviertel,
in die sich selbst die Polizei nicht hineinwagt.
Welche Sehnsüchte und Träume hegen die Menschen in Harare, Kalkutta,
Lima, London? Wie bewältigen sie den Alltag zwischen Verkehrschaos
und Müllbergen? Wie ertragen sie Einsamkeit und Anonymität?
Mazvita, die Heldin in Yvonne Veras Roman Eine Frau ohne Namen
verläßt ihr Heimatdorf und flieht vor dem Bürgerkrieg
in die Hauptstadt. Harare - Synonym für Freiheit, Hoffnungsträger
vor allem für Frauen: Die Stadtfrauen zauberten aus Chaos Freiheit.
Doch die Stadt löst ihr Versprechen nicht ein.
Raj Kamal Jha aus Neu Delhi läßt in seinem Debütroman
Das blaue Tuch einen nicht mehr ganz jungen Mann die Geschichte
seiner Kindheit in der 12-Millionen- Metropole Kalkutta erzählen.
Die Stadt liebt einsame Menschen sagt er - ein stilles Einzelschicksal,
übertönt vom Lärm vorbeidonnernden Schwertransporter und
Schnellzüge.
José Oliver braucht die Extreme Idyll und Moloch, den Schwarzwald
und das Getriebe der Städte. Er kennt die Boom-Cities Latein- und
Südamerikas, die Realität der Straßenkinder. Und er mischt
sich ein: Dichter, Weltbürger und Streetworker in einem.
London war einst der wichtigste demokratische Zufluchtsort für die
Verfolgten des europäischen Faschismus. Die politische Toleranz der
Stadt war so berühmt wie ihre vorbildliche Stadtverwaltung. Heute
zählt London, eine der reichsten Städte der Welt, zu den am
stärksten verschmutzten Städten Europas. Der Verödung des
Zentrums stehen Wucherungen nach außen entgegen. Eine obsessive
Haßliebe verbindet die Protagonisten in Geoff Nicholsons London
London mit dieser Stadt, der sie sich mit Leib und Seele verschreiben.
Harare, Kalkutta,
Lima, London - vier Beispiele für die dramatisch anwachsende Urbanisierung
dieses Jahrhunderts. Gibt es ein Entkommen vor den Megastädten der
Zukunft? Wie ist ein Leben auf dem Land für das 3. Jahrtausend
überhaupt noch denkbar? Armut und Chaos in den Städten versus
bewachter Luxus in Naturschutzgebieten?
Sylvia
Schütz
In Zusammenarbeit
mit der Basis-Buchhandlung und der Stiftung Literaturhaus
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