Eureka Belfast
Zu Robert McLiam Wilson

Von Elgin Heuerding
Foto:
Renate
von Mangoldt

„Ihr könnt euch vorstellen, wie mir dieser Quatsch auf die Nerven ging. Belfasts Haß war vielstimmig, aber eintönig. Ich hörte das alles nicht zum erstenmal, weder die Einzelheiten noch den stets gleichbleibenden Tonfall. Ich hätte schon mitsingen können. Dieses ganze Gezeter war so alt, dass es schon ganz vergilbt war und Eselsohren hatte.“ Dennoch bildet dieses nordirische eingefahrene Fronten-‚Gezeter’ zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Engländern und Iren den Hintergrund für Robert McLiam Wilsons Roman, der 1994, zum damaligen Waffenstillstand entstanden ist: „Eureka Street, Belfast“ (Fischer 1997, aus dem Englischen von Christa Schuenke).
Wobei der schnoddrige Tonfall, mit dem hier der politische Gehalt abgehandelt wird, gerade einen der Reize des Romans ausmacht. Kein moralischer Impetus, stattdessen die detaillierte Beschreibung einer Bombenexplosion und ihrer Wirkung, etwa auf den Körper der hübschen Rosemary. Eine überzeugendere Rede gegen Gewalt gibt es nicht, egal wer aus welchen Gründen eine Bombe werfen mag. Der flapsige Tonfall deutet darüber hinaus auch das an: „Eureka Street, Belfast“ ist kein Buch über den nordirischen Konflikt (selbst wenn der hier auch analytisch aufbereitet wird), sondern vor allem eine moderne Mixtur aus Stadtgeschichten, Liebesgeschichten. Letzteres vor allem, schließlich behauptet der Roman gleich mit dem ersten Satz: „Jede Geschichte ist eine Liebesgeschichte.“ Jake hat gerade eine solche hinter sich. Also schaut er anderen Frauen nach, versucht sein kaum vorhandenes Glück. Unter anderem bei einer, deren protestantischer Freund Polizist ist und den allzu aufdringlichen Jake verprügelt. Aus der ‚privaten’ Angelegenheit lässt der Autor ganz schnell eine politische erwachsen. Indem die Katholikin Aoirghe davon erfährt und den „Fall“ bei ‚amnesty international’ meldet. Jake und Aoirghe bekämpfen sich fürderhin mit Wortgefechten und aller Freude, doch gilt auch hier – in diesem Buch ist jede Geschichte eine Liebesgeschichte.
Ansonsten werden in Robert McLiam Wilsons Belfast unablässig diverse ideologische Verkrustungen unterlaufen. Zu Jakes Katholiken(Sauf-)kumpanen gehört etwa der Protestant Chuckie, zweite Hauptfigur und völlig konträr zu Jake. Chuckie verbandelt sich, trotz Tumbheit, Leibesfülle und proletarischer Herkunft mit einer schönen Amerikanerin. Zudem wird er zum Aufsteiger der Stadt. Sein einziges Talent allerdings: spinnerte Phantasien erzählen, damit Geldgeber beschwatzen, Subventionen kassieren, etwa für den Aufbau des zerspaltenen und zerbombten Belfasts. Seinen Anfang nimmt das gigantische Unternehmen mit dem Angebot von Riesendildos gegen Vorauszahlung. Chuckies Clou: Die Ware kriegt keiner zu sehen, aber jeder kann sein Geld zurückhaben, allerdings per Scheck. Und der ist unübersehbar geziert von einem Wort: Riesendildo-Rückerstattung.
Frech und witzig ist McLiam Wilsons Sprache, in seinen Geschichten mischen sich Melancholie und feine Liebestöne, schwarzer Humor und Belfaster Bürgerkriegsansichten. „Eureka Street, Belfast“ ist ein Plädoyer für eine Stadt, ein Plädoyer gegen Gewalt und der nun dritte Roman von Robert McLiam Wilson. Geboren wurde er 1964, mit den religiös-ideologisch begründeten Spannungen seiner Heimat hat er selbst genügend Erfahrung gemacht, spätestens als seine Eltern ihn wegen der Liaison zu einer Protestantin aus dem Haus warfen. Seit 1989 sein Erstlingswerk „Ripley Bogle“ in England veröffentlicht und mit gleich vier Preisen ausgezeichnet wurde (dt. bei Schöffling 1996, aus dem Englischen von Susanne Lange), gehört McLiam Wilson zu den jungen Stars der irischen Autorenszene.

Veranstaltungen mit Robert McLiam Wilson:
Lesung und Gespräch am 19.3. in der Jazzbar Vogler; Teilnahme am Podium „Brennpunkt Stadt“ am 20.3. im Literaturhaus; Stadtführung am 21..3.

Veranstalter Kunst/Neue Medien/Architektur Konzert Ausstellungen Filmprogramm Kinderprogramm Veranstaltungsreihe "Ortszeit" Lesungen Podiumsgespräche/Vorträge Kalendarium Autoren/Teilnehmer Einführung home