Autorenportrait
Handschrift aus Sarajewo
Zu Stevan Tontic

Von Katrin Dirschwigl

"Als ich sah, daß mein Leben absolut wertlos geworden ist und absurd und daß ich jeden Tag zehnmal getötet werden kann, mußte ich eine gewisse Spur hinterlassen; so habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben, um meinen Geist zu retten und meine menschliche Würde". In Sarajewo bedeutete Schreiben für Stevan Tontic seelisches Überleben. Bis zuletzt hatte er sich für Versöhnung und gegen den Krieg eingesetzt. Er ließ sich von keiner Partei vereinnahmen und wurde daraufhin in der Presse als "Verräter" angegriffen. Nach einem Jahr der Hölle im belagerten Sarajewo floh er, um sich selbst, seine Freunde und seine Poesie nicht zu verraten. Seit 1993 lebt und schreibt Tontic im Berliner Exil, getrennt von seiner Familie, die als Flüchtlinge in Belgrad leben. "Die Grenze wurde gezogen/ mitten durchs Herz", heißt es in einem seiner Gedichte. Die Bilder des Schreckens bleiben gegenwärtig, sie "stehen so tief in jedem von uns, daß sie bis zum Schluß ein 'Material' fürs Erzählen und Erinnern und gleichzeitig eine schwere Bürde sein werden."
Stevan Tontic, geboren 1946 in Sanski Most/ Bosnien, ist einer der bedeutendsten Lyriker des ehemaligen Jugoslawien. Er studierte Philosophie und Soziologie, war leitender Lektor bei einem angesehenen Literaturverlag und hat sich auch als Essayist und Übersetzer - u.a. von Christa Wolf und Hans Magnus Enzensberger - sowie als Herausgeber einen Namen gemacht (z.B. mit Anthologien bosnisch-herzegowinischer und serbischer Dichtung des 20. Jahrhunderts).
Als Lyriker veröffentlichte Tontic mehrere Gedichtbände, die in andere Sprachen übersetzt wurden. Seine letzte, auch auf Deutsch erschienene Gedichtsammlung „Handschrift aus Sarajewo“ (Landpresse, 3. Aufl. 1998) schrieb er während des Krieges in der belagerten Stadt. Tontics Texte treten dem Leser "bitter lächelnd" entgegen, seine Sprache ist knapp, schnörkellos und von beklemmender Dichte. Lutz Rathenow urteilt über Tontic, er erzähle "sparsam vom Leben im Krieg. Nichts ist vorbei, verraten seine Gedichte. Und versuchen doch, den Ort zu verlassen, an dem die Zeit zum Alptraum erstarrt war.“

Stevan Tontic, im März zu Gast in der Villa Waldberta, nimmt am 18.3. am Podium „Eine Existenz im Dazwischen“ im Gasteig/Black Box teil.

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