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Das genaueste
und zugleich schönste Bild für ihr Leben und ihr Schreiben hat
die japanisch-deutsche Schriftstellerin Yoko Tawada selbst gefunden. In
einem Text mit dem Titel Erzähler ohne Seelen, den sie
auf deutsch geschrieben hat, liest man: Ich habe bei meiner ersten
Fahrt nach Europa mit der transsibirischen Eisenbahn meine Seele verloren.
Als ich dann mit der Bahn wieder zurückfuhr, war meine Seele noch
in Richtung Europa unterwegs. Ich konnte sie nicht fangen. Als ich erneut
nach Europa fuhr, war sie auf dem Weg nach Japan. Danach bin ich so oft
hin- und hergeflogen, dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wo
meine Seele gerade ist. Auf jeden Fall ist das ein Grund dafür, warum
einem Reisenden meist die Seele fehlt. Die Erzählung über eine
große Reise muss deshalb ohne Seele gemacht werden. Es kann
wohl kaum ein beunruhigenderes Motiv für das Schreiben geben als
die lebenslange Jagd auf die eigene verlorene Seele. Und die großartigen
literarischen Funde, die Yoko Tawada bisher dabei gemacht hat, beweisen,
dass es auch ein lohnendes Motiv ist. Die Vorstellung, dass das ganze
Leben eine Reise sei, verbindet die Autorin darüber hinaus mit der
japanischen Tradition, die im Bild der Reise die ganze conditio humana,
ihre Vergänglichkeit, aber auch ihre Chancen und Abenteuerpotentiale
verdichtet sah.
Yoko Tawada wurde 1960 an der Peripherie Tokyos geboren, an einem Ort,
der vor allem für seine wirtschaftswissenschaftliche Universität
bekannt ist und den Besucher durch eine lange, breite und schnurgerade
Allee überrascht, die für Tokyo und Japan überhaupt höchst
ungewöhnlich ist. Es ist denkbar, dass die Seele der jungen Yoko
Tawada hier ihre ersten Flugübungen unternommen hat und dass der
Roman, den die Zwölfjährige hier schrieb, schon ein Jagdprotokoll
war. Doch bevor sie sich auf den Weg und die Suche nach Europa begab,
wo sie irgendwo in Sibirien endgültig ihre Seele verlor, studierte
Yoko Tawada in Tokyo russische Literatur. 1979 dann jene erste Fahrt mit
der Bahn nach Deutschland. In Wo Europa anfängt, einem
der frühen Texte, die sie (im Jahr 1988) in deutscher Sprache schrieb,
kann man nachlesen, wie schwer es war, Europa überhaupt zu finden,
den Kontinent, wo Tawada seit 1982 wohnt und arbeitet. Genauer: in Hamburg,
in einem ehemaligen Lotsenhäuschen über dem Hafen (wie könnte
es anders sein!). Wenn sie nicht unterwegs ist, auf Lesereisen, zu Gastdozenturen
und Preisverleihungen. Bemerkenswert, dass der ständig im Ausland
lebenden Autorin im Jahr 1993 einer der bedeutendsten japanischen Literaturpreise,
der Akutagawa-Preis, zugesprochen wurde. Für ihre deutschsprachigen
Publikationen erhielt sie 1996 in München den Chamisso-Preis.
Tawada ist ungewöhnlich produktiv. Kaum ein literarisches Genre,
das sie nicht beherrschte. Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke,
Essays, literaturwissenschaftliche Aufsätze. Für Tawada ist
die Sprache kein Medium zur Beschreibung von Wirklichkeiten, Ideen oder
Fiktionen. Die Sprache ist eine Wirklichkeit per se. Vielleicht die einzige
Wirklichkeit. Daher ist Tawadas Sprache so präzis und so gelassen.
Tawada ist zwar eine Japanerin, aber viel mehr als eine japanische Autorin.
Sie gibt in ihrer Person und mit ihrem Schreiben dem Begriff des Multikulturellen,
der heutzutage ja für jeden folkloristischen Unsinn in Anspruch genommen
wird, seine Würde zurück. Yoko Tawada ist eine multikulturelle
Autorin im eigentlichen Sinne, weil sie sich entschlossen hat, weder hier
- in Deutschland, Europa - noch dort - in Japan, Asien - zu
sein. Sie hat sich souverän in einem Dazwischen eingerichtet, von
wo sie uns Bericht erstattet von dem, was wir nicht sehen können:
Die Bücher von Yoko Tawada sind im Konkursbuch Verlag erschienen,
teils in deutscher Sprache geschrieben, teils von Peter Pörtner übersetzt.
Ihr neuestes Buch Opium für Ovid wird im April 2000 erscheinen.
Veranstaltungen
mit Yoko Tawada:
Teilnahme am Podium Eine Existenz
im Dazwischen am 18.3. im Gasteig/Black Box. Lesung und
Gespräch am 19.3. in der Buchhandlung Colibris (Moderation: Peter
Pörtner).
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