Spiegel-Bilder
Zu Michelangelo Pistoletto

Von Wilhelm Warning

Auf der 10. Documenta 1992 hatte er einen leeren Laden in einen Kunstraum verwandelt. „Glückliche Schildkröte“ stand auf dem Schaufenster, und man sah einen Weg aus Steinblöcken, eine Liege, einen Schreibtisch und einen Fernseher. Ein Raum, der die Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre bewusst offen ließ, dessen karge Möblierung an die italienische arte-povera-Bewegung, der Kunst mit den einfachsten Mitteln erinnerte, zu der der Künstler aus Mailand gehört.
Verbindungen zu schaffen und Grenzen zu überbrücken war für Michelangelo Pistoletto immer schon ein Anliegen. „Künstler zu sein“ sagt er, „bedeutet über die Grenzen zu schauen, die das Leben für uns bereit hält.“ So lässt er sich weder auf die arte-povera-Bewegung festlegen noch sich sonst in Begriffs-Schubladen einordnen. Schon in den Sechziger Jahren wurde er literarisch tätig, arbeitete im Stil des „Nouveau Réalisme“ als bildender Künstler, schuf aber auch Konzeptkunst, entwarf skurrile Möbel jenseits des damals tonangebenden Funktionalismus und sogenannte „Minus-Objekte“, konzipierte Bühnenbilder, inszenierte Theaterstücke, veranstaltete Performances auf den Straßen italienischer Städte und beschäftigte sich immer wieder in seiner Kunst mit dem Spiegel. Diese Spiegelbilder, sagt Pistoletto, wären Symbol für Veränderung gewesen. Denn der Betrachter sehe sich selbst im Zusammenhang mit seiner Umgebung, dem Raum um ihn herum, mit der Bewegung. Die Dimension Zeit werde so sichtbar. Damit komme das Leben selbst mit ins Bild.
Das Thema Spiegel hat ihn bis heute nicht losgelassen und bildete eines der Zentren in der großen Ausstellung „Memoria Intelligentia Praevidentia“ im sogenannten Kunstbau des Lenbachhauses vor vier Jahren. Die Besucher gingen zum Beispiel auf eine Reihe von niedrigen Spiegelobjekten zu. Zunächst sahen sich, vor allem die eigenen Beine – Symbole der Bewegung - in zwei breit aufgeklappten Spiegeln einfach. Dann, im nächsten Spiegelpaar, sahen sie sich und ihre Beine vielfach reflektiert. Schließlich, in einem noch enger gestellten Spiegelpaar, unendlich oft. Bis sie vor einem gänzlich geschlossenen Spiegelpaar standen, das gewissermaßen nur noch die Idee der Unendlichkeit barg. Pistoletto formulierte damit Erkenntnisse: “Ich habe Raum und Zeit ganz buchstäblich zum Teil des Bildes gemacht, damit auch die Gegenwart des Betrachters, der im Bild erscheint. Alles ist schließlich gespiegelt: Das Leben, die Lebenszeit, die Größe des Lebens. Damit ist der Begriff „Zeit“ von grundlegender Wichtigkeit für meine Arbeit geworden. Zeit gebrauchen wir etwa für Musik, für das Theater, für viele Veranstaltungen, aber doch kaum für Malerei. Mit dem Spiegel aber kommt die Begrifflichkeit Zeit in die Malerei. Mir war es sehr wichtig, das so zu entwickeln, dass sich Malerei und Leben, damit die Zeit in der Reflektion des Spiegels treffen. Zeit ist für mich geradezu eine grundlegende Methode meiner Arbeit geworden, und deshalb fühle ich mich der Musik, dem Theater oder Aktionen so verbunden, eigentlich jeder Struktur, die im wirklichen Lebensraum entwickelt werden kann..“
Pistoletto malt, arrangiert und schafft, spielt und redet, führt Opern auf und Konzerte. Er diskutiert mit Unternehmensberatern, Finanzexperten und Wirtschaftsprofessoren. Seine Grund-Idee, erklärt der 1933 in dem Ort Biella geborene Künstler, sei der Austausch von schöpferischen Kräften. „Ich spiele kein Theater“, sagt Pistoletto, „ich tausche Kreativität aus.“ Denn es werde es immer wichtiger, Menschen aller Bereiche für die Kunst zu sensibilisieren. Politik kommt von dem Wort „polis“, dem griechischen Begriff für Stadt. Und „polis“ umfasst die komplexe Vorstellung dessen, was man in der Antike unter Stadt verstand. Ein Kommunikationsmodell: „Polis meint, in Verbindung mit anderen zu existieren. Die anderen sind gewissermaßen der andere Teil von uns selbst. Um zeugen zu können, müssen wir wie fast alle Lebewesen zu zweit sein. Aber auch um geistige Werke zu schöpfen, ein Konzert etwa, darf man nicht allein sein. Man arbeitet nicht nur für sich, sogar beim Malen.“ Noch wichtiger sei ihm, sagt der Künstler, alle Bereiche in die Kunst hineinzubringen, auch die Politik, die Religion, das Sozialwesen, das könnten alles Materialien werden, die die Kunst hervorbringt. In seiner „Cittadellarte“, seiner „Stadt der Künste“, die er auf dem Areal einer ehemaligen Spinnerei zwischen Mailand und Turin gründete, erforscht Pistoletto, zusammen mit Künstlern, Wissenschaftlern, Experten aus Industrie und Wirtschaft, mögliche Wechselbeziehungen der Disziplinen, eine „Archäologie der Zukunft“ und damit neue Positionen für eine Kunst, die Innen und Außen spiegelt. Pistoletto möchte jemand dazu zu bringen, dass er sich einerseits zwar als Objekt, also mit einem gewissen Abstand zu sich selbst wahrnimmt, andererseits aber als Teil des Ganzen, der Welt. Damit ist er wieder beim Thema Spiegel, in den man hineinblickt, darin aufscheint und gleichzeitig draußen davor steht. Ein Selbstportrait und ein Bild der Welt.

Michelangelo Pistoletto spricht über sein Projekt „Cittadellarte“ am 25.3. im Literaturhaus
Gesprächspartner: Kulturreferent Prof. Julian Nida-Rümelin

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