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Auf der
10. Documenta 1992 hatte er einen leeren Laden in einen Kunstraum verwandelt.
Glückliche Schildkröte stand auf dem Schaufenster,
und man sah einen Weg aus Steinblöcken, eine Liege, einen Schreibtisch
und einen Fernseher. Ein Raum, der die Grenze zwischen privater und öffentlicher
Sphäre bewusst offen ließ, dessen karge Möblierung an
die italienische arte-povera-Bewegung, der Kunst mit den einfachsten Mitteln
erinnerte, zu der der Künstler aus Mailand gehört.
Verbindungen zu schaffen und Grenzen zu überbrücken war für
Michelangelo Pistoletto immer schon ein Anliegen. Künstler
zu sein sagt er, bedeutet über die Grenzen zu schauen,
die das Leben für uns bereit hält. So lässt er sich
weder auf die arte-povera-Bewegung festlegen noch sich sonst in Begriffs-Schubladen
einordnen. Schon in den Sechziger Jahren wurde er literarisch tätig,
arbeitete im Stil des Nouveau Réalisme als bildender
Künstler, schuf aber auch Konzeptkunst, entwarf skurrile Möbel
jenseits des damals tonangebenden Funktionalismus und sogenannte Minus-Objekte,
konzipierte Bühnenbilder, inszenierte Theaterstücke, veranstaltete
Performances auf den Straßen italienischer Städte und beschäftigte
sich immer wieder in seiner Kunst mit dem Spiegel. Diese Spiegelbilder,
sagt Pistoletto, wären Symbol für Veränderung gewesen.
Denn der Betrachter sehe sich selbst im Zusammenhang mit seiner Umgebung,
dem Raum um ihn herum, mit der Bewegung. Die Dimension Zeit werde so sichtbar.
Damit komme das Leben selbst mit ins Bild.
Das Thema Spiegel hat ihn bis heute nicht losgelassen und bildete eines
der Zentren in der großen Ausstellung Memoria Intelligentia
Praevidentia im sogenannten Kunstbau des Lenbachhauses vor vier
Jahren. Die Besucher gingen zum Beispiel auf eine Reihe von niedrigen
Spiegelobjekten zu. Zunächst sahen sich, vor allem die eigenen Beine
Symbole der Bewegung - in zwei breit aufgeklappten Spiegeln einfach.
Dann, im nächsten Spiegelpaar, sahen sie sich und ihre Beine vielfach
reflektiert. Schließlich, in einem noch enger gestellten Spiegelpaar,
unendlich oft. Bis sie vor einem gänzlich geschlossenen Spiegelpaar
standen, das gewissermaßen nur noch die Idee der Unendlichkeit barg.
Pistoletto formulierte damit Erkenntnisse: Ich habe Raum und Zeit
ganz buchstäblich zum Teil des Bildes gemacht, damit auch die Gegenwart
des Betrachters, der im Bild erscheint. Alles ist schließlich gespiegelt:
Das Leben, die Lebenszeit, die Größe des Lebens. Damit ist
der Begriff Zeit von grundlegender Wichtigkeit für meine
Arbeit geworden. Zeit gebrauchen wir etwa für Musik, für das
Theater, für viele Veranstaltungen, aber doch kaum für Malerei.
Mit dem Spiegel aber kommt die Begrifflichkeit Zeit in die Malerei. Mir
war es sehr wichtig, das so zu entwickeln, dass sich Malerei und Leben,
damit die Zeit in der Reflektion des Spiegels treffen. Zeit ist für
mich geradezu eine grundlegende Methode meiner Arbeit geworden, und deshalb
fühle ich mich der Musik, dem Theater oder Aktionen so verbunden,
eigentlich jeder Struktur, die im wirklichen Lebensraum entwickelt werden
kann..
Pistoletto malt, arrangiert und schafft, spielt und redet, führt
Opern auf und Konzerte. Er diskutiert mit Unternehmensberatern, Finanzexperten
und Wirtschaftsprofessoren. Seine Grund-Idee, erklärt der 1933 in
dem Ort Biella geborene Künstler, sei der Austausch von schöpferischen
Kräften. Ich spiele kein Theater, sagt Pistoletto, ich
tausche Kreativität aus. Denn es werde es immer wichtiger,
Menschen aller Bereiche für die Kunst zu sensibilisieren. Politik
kommt von dem Wort polis, dem griechischen Begriff für
Stadt. Und polis umfasst die komplexe Vorstellung dessen,
was man in der Antike unter Stadt verstand. Ein Kommunikationsmodell:
Polis meint, in Verbindung mit anderen zu existieren. Die anderen
sind gewissermaßen der andere Teil von uns selbst. Um zeugen zu
können, müssen wir wie fast alle Lebewesen zu zweit sein. Aber
auch um geistige Werke zu schöpfen, ein Konzert etwa, darf man nicht
allein sein. Man arbeitet nicht nur für sich, sogar beim Malen.
Noch wichtiger sei ihm, sagt der Künstler, alle Bereiche in die Kunst
hineinzubringen, auch die Politik, die Religion, das Sozialwesen, das
könnten alles Materialien werden, die die Kunst hervorbringt. In
seiner Cittadellarte, seiner Stadt der Künste,
die er auf dem Areal einer ehemaligen Spinnerei zwischen Mailand und Turin
gründete, erforscht Pistoletto, zusammen mit Künstlern, Wissenschaftlern,
Experten aus Industrie und Wirtschaft, mögliche Wechselbeziehungen
der Disziplinen, eine Archäologie der Zukunft und damit
neue Positionen für eine Kunst, die Innen und Außen spiegelt.
Pistoletto möchte jemand dazu zu bringen, dass er sich einerseits
zwar als Objekt, also mit einem gewissen Abstand zu sich selbst wahrnimmt,
andererseits aber als Teil des Ganzen, der Welt. Damit ist er wieder beim
Thema Spiegel, in den man hineinblickt, darin aufscheint und gleichzeitig
draußen davor steht. Ein Selbstportrait und ein Bild der Welt.
Michelangelo
Pistoletto spricht über sein Projekt Cittadellarte
am 25.3. im Literaturhaus
Gesprächspartner: Kulturreferent Prof. Julian Nida-Rümelin
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