|
rastkunft
paz. La Paz
den ort
klaratmen
fuß nach kopf
um die gedanken
den ort
hautspüren.
Einer Stadt
nähert sich José F.A. Oliver so, wie der Argentinier Julio
Cortázar Paris eroberte. Er fährt mit der Metro irgendwohin,
steigt aus, taucht ein, läßt sich treiben; nicht auf dem Parcours
der Sehenswürdigkeiten, sondern von den Menschen am Rande dieser
"Wanderstraßen". Für Oliver ist die Stadt ein Boot,an
dem alles vorüberzieht und so Vergänglichkeit spürbar wird;
wo der einzelne untergeht im Menschen- und Häusermeer, De-Mut lernt
und die Notwendigkeit, sein eigenes Universum zu schaffen. In Mexiko-Stadt
etwa, dem Moloch, der mit seinen 25 Mio unregierbar scheint, aber funktioniert.
In Buenos Aires, dieser europäischen Mischung aus Paris, Madrid und
London. In Sao Paolo, der Vision fürs neue Jahrtausend, und in Havanna,
wo Oliver die Geschichte Andalusiens fand, seine Geschichte und die seiner
Eltern. Die Stadt, sagt er, verändere den Begriff von Zeit. Nur sie
biete in solcher Dichte die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Nur
sie läßt Geschichte, Gegenwart, Zukunft parallel geschehen.
Und der Dichter muß mithalten - mit Sprache. Er muß das Leben
übersetzen. "fernlautmetz" nennt Oliver seine neue CD,
diese atemlosen Oden, diese fast biblischen Beschwörungsformeln auf
Jerusalem, Amsterdam, Havanna, Lima.
Nicht Sehnsucht nach dem Exotischen trieb ihn und hielt ihn in der Ferne,sondern
Menschen; Kollegen wie die Exilchilenen Skármeta und Sepúlveda
oder das Publikum in Mexiko. Für die Straßenkinder in Peru
buchstabierte er sein "Vaterunser in Lima" aus Hunger, Soldatenstiefeln,"nackten
Füßen dreck-ge-hauen".Für sie gründeten er und
andere den Verein "Manthoc", die Klammer zwischen Heimat und
Ferne, Lima und dem Kinzigtal; eine Initiative, die Kinderarbeit nicht
abschaffte,aber auf Limas größtem Markt reglementierte. Anhand
bunter T-Shirts in blau, rot, grün, für 8-,10-, 12jährige
konnten Marktaufseher kontrollieren,daß die Kinder nur noch Lasten
ihrer Gewichtsklasse trugen. Ein Haus entstand zum Schlafen, Essen, Lernen;
in einem Kinderparlament erlebten sie Pflichten und Rechte, Demokratie
statt Gewalt. Alltags- und Bewußtseinsarbeit eines Dichters.
"...die welt schürt kinderreime/auf jeden kopf ein kopf...",
schreibt José Oliver, der Poet zwischen Slums und Schwarzwald-Idylle,
der aus der Ruhe schöpft und städtisches Ge-triebe braucht,
der Spanier in Deutschland mit badisch-andalusischem Akzent. Ein "Gastling",
wie er sich nennt, dessen Eltern 1960 als spanische Gastarbeiter nach
Deutschland kamen. 1961 geboren. Aufgewachsen zwischen Fasnacht und Flamenco;
ohne deutschen Paß, weil er sich vom ius sanguinis nicht "zwangsgermanisieren"
lassen möchte; aber ein deutschsprachiger Poet, der sich "kopfunter
in die sprache" stürzt. Im andalusischen Gepäck: die moderne
Formensprache Federico Garcia Lorcas, aber auch: die Zärtlichkeit,
die Melancholie, das Sentiment, der Rhythmus von Wiegenliedern und Flamenco,
Andalusien als Existenzform. "Ich höre die Bilder. Ich höre
das Grün. Ich höre die Augen", sagt José Oliver,
intoniert in der deutschsprachigen Lyrik eine ganz eigene Melodie und
Mündlichkeit und probt den Dialog: von Poesie und Publikum, Wort
und Musik, Klang und Raum, Gefühl und Gedanke, Mond und Mondin, la
luna. Man muß ihn hören, diesen "fernlautmetz", dieses
Auf und Ab der Worte, das jeden Vers zum Tanzschritt macht; dieses Domino
der Silben, die er ent-zingelt, ent-deckt, aus falsch-vertrauten Wortschablonen
befreit und zusammenfügt zu neuen Sinnen. J.F.A. Oliver legt seine
Netze aus und fischt im Silbenmeer. Aber: Das ist kein Sprachspiel ohne
Inhalt, kein Gedicht ohne humane Ästhetik. Für ihn ist es Aufgabe
des Dichters, "die Offenrätsligkeit in Sprache neu zu schöpfen",
mit Sprache Zukunft zu gestalten: "Auf-Bruch".
"zum licht gehen - Andalucía, Anda-
Lucía sagte Vater: wie SCHWEIGEN
in lichtbringerin/ wie in einleuchtend
die eigene ethymologie weitersteigen...."
Veranstaltungen
mit José Oliver:
Teilnahme an den Podien Eine Existenz
im Dazwischen am 18.3. im Gasteig/Black Box und Fluchtpunkt
Stadt/Stadtflucht am 19.3. im Literaturhaus, Lesung
am 24.3. in der Monacensia
|