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Le
Monde nennt ihn einen Verzauberer und den zur
Zeit größten Magier der deutschen Sprache, und in der
Tat sucht das, was der 1929 in Bern geborene, seit 1977 in Paris lebende
Schweizer Schriftsteller Paul Nizon seit seinen literarischen Anfängen
1959 schöpft, seinesgleichen in der deutschen Nachkriegsliteratur.
Denn: neben den ausgeprägt autobiographischen Zügen, die sein
bis heute fünf Romane sowie mehrere Prosabände umfassende Werk
trägt, besticht dieser Autor, der sich selbst einmal einen vorbeistationierenden
Autobiographie-Fiktionär nannte, durch die nicht nachlassende
Dringlichkeit, ja existenzielle Vehemenz, mit der hier einer im wahrsten
Sinn des Wortes um sein Leben schreibt.
Er, der seine Arbeiten Lebensromane nennt und diesbezüglich
in einer Linie mit Autoren wie dem Uruguayer Juan Carlos Onetti, dem Engländer
Malcolm Lowry und dem Franzosen Georges Perec gesehen werden muss, erklärt
das so: Erstens muss ich sagen, dass meine Bücher keine Autobiographien
sind. Ich habe einen anderen Begriff dafür gewählt, den Ausdruck:
autobiographische Fiktion. In Frankreich ist das Wort Autofiktion
inzwischen ein feststehender Begriff. Das Spezifische an meiner Situation
ist vielleicht, daß ich mir das Leben als Sprachmensch Schritt für
Schritt erschaffe und damit auch die eigene Person. So bin ich auf gewisse
Weise mein eigenes Versuchskaninchen in diesem Schöpfungsprogramm.
Schöpfte Nizon diesem, seinem poetologischen Credo gehorchend
zuletzt im Rahmen seines 1998 erschienenen Buches Hund. Beichte
am Mittag aus Erinnerungspartikeln, Gelesenem und Geträumtem
einen hinreissenden Gedanken-und Geschichtenstrom, so lesen sich auch
all die früheren Beichten und Romane als Resultate seines mit Haut
und Haaren angestrengten Selbsthervorbringungsprozesses; sein kapitaler,
ebenso betörender wie melancholischer Parisroman Das Jahr der
Liebe von 1981, in welchem sich sein in Einsamkeit isolierter Ich-Erzähler
die tiefgeschlagenen Liebeswunden leckt ebenso wie etwa sein furioser
Rom-Hymnus Canto von 1963, dessen Radikalität, Sprachmacht
und poetische Verspieltheit bis heute ihresgleichen suchen in der deutschen
Dichtung nach 1945. Doch Ähnliches liesse sich sicher auch von seinen
späteren Büchern sagen; von seinem Roman Stolz von 1975 etwa,
diesem Protokoll einer emotionalen Vereisung bis in den Tod; seinem eskapistischen
Spanienbuch Untertauchen. Protokoll einer Reise (1972), das
auf gerade mal 78 Buchseiten die Entwurzelung einer ganzen Existenz protokolliert
und nicht zuletzt seinen bernischen oder pariserischen Haus-und Städtebüchern
Im Hause enden die Geschichten von 1971 oder seinem zweiten
grossen Parisbuch Im Bauch des Wals von 1989, das mit unnachahmlichem
Bilderreichtum die menschliche Existenz so vehement in Sprache zu bannen
sucht wie es uns gleichzeitig deren ganze, unselige Ungreifbarkeit vor
Augen führt.
Die hiesigen Gutachter haben sich lange schwer getan mit dem Umstand,
diesen Autor nicht verfügbar machen und literarisch verorten zu können;
zu sprunghaft oder selbstbezogen erschienen diesem oder jenem seine literarischen
Selbsthervorbringungen. Er selbst freilich, dessen Ich-Romane immer zugleich
auch europäische Städteromane sind, sieht dies längst mit
der angezeigten Gelassenheit, wenn er mit Blick auf seinen großen
französischen Erfolg bekennt: Heute, wo ich wirklich in einem
Ort angekommen bin, in dem ich mich wohl fühle, macht es mir nicht
mehr so viel aus. In den Jahrzehnten, da ich diese Wahlheimat noch nicht
hatte, war es sagen wir beirrend, in der literarischen Aussenseiterposition
meine Runden ablaufen zu müssen. Es war verwirrend aus Gründen
des Stolzes. Aber vielleicht passt es letztlich zu meinem Lebensentwurf
des Emigranten. Wie überhaupt der Blick auf sein bisheriges
Schaffen inzwischen selbst seinen größten Skeptikern suggerieren
müßte: die Wette einiger seiner Arbeiten auf die Ewigkeit steht
inzwischen gar nicht so schlecht!
(Alle Bücher
von Paul Nizon sind im Suhrkamp Verlag erschienen)
Lesung und Gespräch mit Paul Nizon am 22.3., 18.30 Uhr in
der Neuen Pinakothek, Saal 22 (Moderation: Peter Hamm), Vortrag
am 23.3. im Literaturhaus. Unterstützt von PRO HELVETIA
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