Autorenportrait
Ein Eingeborener der Städte
Zu Paul Nizon
Von Peter Henning
Foto:
Irmeli Jung

„Le Monde“ nennt ihn einen „Verzauberer“ und den „zur Zeit größten Magier der deutschen Sprache“, und in der Tat sucht das, was der 1929 in Bern geborene, seit 1977 in Paris lebende Schweizer Schriftsteller Paul Nizon seit seinen literarischen Anfängen 1959 schöpft, seinesgleichen in der deutschen Nachkriegsliteratur. Denn: neben den ausgeprägt autobiographischen Zügen, die sein bis heute fünf Romane sowie mehrere Prosabände umfassende Werk trägt, besticht dieser Autor, der sich selbst einmal einen „vorbeistationierenden Autobiographie-Fiktionär“ nannte, durch die nicht nachlassende Dringlichkeit, ja existenzielle Vehemenz, mit der hier einer im wahrsten Sinn des Wortes „um sein Leben“ schreibt.
Er, der seine Arbeiten „Lebensromane“ nennt und diesbezüglich in einer Linie mit Autoren wie dem Uruguayer Juan Carlos Onetti, dem Engländer Malcolm Lowry und dem Franzosen Georges Perec gesehen werden muss, erklärt das so: „Erstens muss ich sagen, dass meine Bücher keine Autobiographien sind. Ich habe einen anderen Begriff dafür gewählt, den Ausdruck: ‚autobiographische Fiktion’. In Frankreich ist das Wort ‚Autofiktion’ inzwischen ein feststehender Begriff. Das Spezifische an meiner Situation ist vielleicht, daß ich mir das Leben als Sprachmensch Schritt für Schritt erschaffe und damit auch die eigene Person. So bin ich auf gewisse Weise mein eigenes Versuchskaninchen in diesem Schöpfungsprogramm.“ Schöpfte Nizon – diesem, seinem poetologischen Credo gehorchend – zuletzt im Rahmen seines 1998 erschienenen Buches „Hund. Beichte am Mittag“ aus Erinnerungspartikeln, Gelesenem und Geträumtem einen hinreissenden Gedanken-und Geschichtenstrom, so lesen sich auch all die früheren Beichten und Romane als Resultate seines mit Haut und Haaren angestrengten Selbsthervorbringungsprozesses; sein kapitaler, ebenso betörender wie melancholischer Parisroman „Das Jahr der Liebe“ von 1981, in welchem sich sein in Einsamkeit isolierter Ich-Erzähler die tiefgeschlagenen Liebeswunden leckt ebenso wie etwa sein furioser Rom-Hymnus „Canto“ von 1963, dessen Radikalität, Sprachmacht und poetische Verspieltheit bis heute ihresgleichen suchen in der deutschen Dichtung nach 1945. Doch Ähnliches liesse sich sicher auch von seinen späteren Büchern sagen; von seinem Roman Stolz von 1975 etwa, diesem Protokoll einer emotionalen Vereisung bis in den Tod; seinem eskapistischen Spanienbuch „Untertauchen. Protokoll einer Reise“ (1972), das auf gerade mal 78 Buchseiten die Entwurzelung einer ganzen Existenz protokolliert und nicht zuletzt seinen bernischen oder pariserischen Haus-und Städtebüchern „Im Hause enden die Geschichten“ von 1971 oder seinem zweiten grossen Parisbuch „Im Bauch des Wals“ von 1989, das mit unnachahmlichem Bilderreichtum die menschliche Existenz so vehement in Sprache zu bannen sucht wie es uns gleichzeitig deren ganze, unselige Ungreifbarkeit vor Augen führt.
Die hiesigen Gutachter haben sich lange schwer getan mit dem Umstand, diesen Autor nicht verfügbar machen und literarisch verorten zu können; zu sprunghaft oder selbstbezogen erschienen diesem oder jenem seine literarischen Selbsthervorbringungen. Er selbst freilich, dessen Ich-Romane immer zugleich auch europäische Städteromane sind, sieht dies längst mit der angezeigten Gelassenheit, wenn er mit Blick auf seinen großen französischen Erfolg bekennt: „Heute, wo ich wirklich in einem Ort angekommen bin, in dem ich mich wohl fühle, macht es mir nicht mehr so viel aus. In den Jahrzehnten, da ich diese Wahlheimat noch nicht hatte, war es – sagen wir – beirrend, in der literarischen Aussenseiterposition meine Runden ablaufen zu müssen. Es war verwirrend aus Gründen des Stolzes. Aber vielleicht passt es letztlich zu meinem Lebensentwurf des Emigranten.“ Wie überhaupt der Blick auf sein bisheriges Schaffen inzwischen selbst seinen größten Skeptikern suggerieren müßte: die Wette einiger seiner Arbeiten auf die Ewigkeit steht inzwischen gar nicht so schlecht!

(Alle Bücher von Paul Nizon sind im Suhrkamp Verlag erschienen)
Lesung und Gespräch mit Paul Nizon am 22.3., 18.30 Uhr in der Neuen Pinakothek, Saal 22 (Moderation: Peter Hamm), Vortrag am 23.3. im Literaturhaus. Unterstützt von PRO HELVETIA

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