London, London – von A-Z
Zu Geoff Nicholson

Von Volker Isfort
Foto:
Carew
Hunt/London

Wahrscheinlich muss man wie Geoff Nicholson in der Provinz geboren sein, um den besonderen Blick für die Faszination der Metropole zu besitzen. Denn was hinter den Lichtern, den Mythen, dem Chaos, den Traumbildern und der Ambivalenz Londons leuchtet, sperrt sich gegen jedes kleinstädtische Verlangen nach Überschaubarkeit. Kein anderer Schriftsteller hat sich dem Phänomen London mit derartiger Akribie und Obsession genähert wie der 46-jährige Nicholson in seinem neuen Roman „London, London“ (Haffmanns, übersetzt von Gunnar Kwisinski). Aus der fanatischen Suche nach der Seele Londons, dem Abgleichen der realen wie imaginären Topographie der Metropole, konstruiert Nicholson einen kriminalistischen Stadtplan voll derber Komik und psychologischer Raffinesse.
Protagonist Mick Wilton, der wie sein Schöpfer aus Sheffield stammt, verschlägt es nach London. Im Gepäck trägt er eine Liste mit sechs Namen und ein ausgeprägtes Rachegefühl. Denn die aufgeführten Herren sollen seine Freundin, die Stripperin Gabby, vergewaltigt haben. Orientierungshilfe im Großstadtdschungel leistet ihm die Buchhändlerin Judy, die ihrerseits mit beträchtlicher Besessenheit an der privaten Eroberung Londons arbeitet: Sie möchte sich die Stadt mit einem Plan ihrer sexuellen Beziehungen einverleiben. Ein Kreuz für jeden Akt, bis sich der Stadtplan schwarz färbt. Dritter im Bunde ist der Touristenführer Stuart London, der schon aufgrund seines Namens an die Stadt gefesselt ist und das verwegenste Ziel verfolgt: Er muss sich London so weit erlaufen, bis ihn die Stadt aufnimmt und auslöscht. Micks Rachezug, Judys sexuellen Eskapaden und Stuarts körperliches Verlangen nach Symbiose mit der Stadt verdichtet Nicholson zu einem Stadtporträt höchst origineller Art, wie man es seit Paul Austers „New York Trilogie" nicht mehr gelesen hat. Alle drei Protagonisten versuchen auf ihre Art, die Stadt zu entziffern, als wären sie dem Geheimnis des Lebens auf der Spur. Ihre Hassliebe zu London brennen sie sich in die Seele und als Tätowierung auf den Leib: "Eigenartiges geschieht an meiner Haut: Laster, Verbrechen und Bewegungen hinterlassen ihre Spuren. Meine Venen pulsieren, als würden U-Bahnzüge hindurcharbeiten. Mein Körper hat Sehenswürdigkeiten und dunkle Ecken", sagt Judy. Doch auch sie wird erkennen müssen, was Mick inmitten seines Rachefeldzuges feststellt: Körper und Stadt besitzen nur eine Gemeinsamkeit - sie haben beide keine Seele.
Geoff Nicholsons Metropolenbild zeigt London als Spielplatz aller erdenklicher Lebensformen, als Sammelbecken für die geheimsten Sehnsüchte und Lüste seiner Einwohner. Die Anonymität der Stadt gebiert sowohl Freiheit wie Einsamkeit, die Metropole funktioniert als großes Versuchslabor, in dem sich die Menschen aus eigenem Antrieb den härtesten Tests unterziehen. „London, London“ ist der unverzichtbare Reiseführer durch urbane Phantasien.

Veranstaltungen mit Geoff Nicholson:
Stadtführung am 16.3., Lesung und Gespräch am 17.3. in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting (Moderation: Volker Isfort). Teilnahme an den Podien „Die erzählte Stadt“ am 15.3. im Muffatcafé und „Fluchtpunkt Stadt/Stadtflucht“ am 19.3. im Literaturhaus.

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