„Wien ist nicht die Bronx“
Wie Roland Neuwirth und seine Extremschrammeln den Groove ins Wienerlied brachten

Von Günter Kaindlstorfer

Es gibt einen Ort auf der Welt, den Roland Neuwirth ganz und gar nicht mag: den Heurigen. In die Touristenfallen von Grinzing und Nußdorf verschlägt es den 50jährigen Extremschrammler nur, wenn „alle anderen Lokale schon zugesperrt haben“. Manchmal läßt es sich freilich nicht vermeiden, dann muß Neuwirth sein Vierterl doch in Lokalen wie der „Zehner-Marie“ oder dem „Alten Winzerhaus“ trinken. Dort lauscht er dann kommerziellen Heurigenmusikern, die schunkelnde Urlauber mit dem „Dritten Mann“ oder Weisen aus der „Gräfin Mariza“ erfreuen. Mit diesen Kollegen will Roland Neuwirth nicht verglichen werden, sein Musikverständnis unterscheidet sich von dem ihren diametral. Dann und wann freilich steckt er den Kollegen einen Hunderter zu, aus Mitleid und Respekt. „Die Burschen machen ja eine ehrliche Arbeit“, sagt er. „Es ist schließlich kein Vergnügen, sich jeden Abend zum Trottel zu machen.“

Seit 25 Jahren steht Roland Neuwirth mit seinen Extremschrammlern jetzt auf der Bühne. Seine Kompromißlosigkeit hat ihm nicht nur Kritikerlob, sondern auch enthusiastischen Publikumszuspruch eingebracht. Er gilt als Erneuerer der Wiener Volksmusik, als Meister der nörgelnden Kontragitarre. In seinen Liedern klingt das wehleidige Sentiment der Schrammelmusik an, aber niemals hören sich seine Songs kitschig oder abgegriffen an. Zuletzt erschien die CD-Auslese „Geschrammelte Werke“ (Warner), auf dieser Doppel-CD sind die 30 besten Nummern der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte zu hören.

„Ich habe im Lauf der Jahre an die 300 Lieder geschrieben“, sagt Roland Neuwirth. „An manche kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Es war ja nicht alles so wahnsinnig gut, was ich geschrieben habe, vor allem am Anfang nicht.“ Mit den neueren Sachen, die etwa seit 1985 entstanden sind, ist Neuwirth absolut zufrieden. Diese Lieder tragen den Titel wie „Du bist mei Kittelfalten“ oder „Manisch-depressiv“, die Arrangements sind fingerbrecherisch kompliziert, aber das soll man nicht hören. Neuwirth ist Perfektionist, er zeigt sich erst dann zufrieden, wenn man einer Nummer die Schwierigkeit ihrer Entstehung nicht anhört. „Ein Song ist dann gut“, sagt er, „wenn die Symbiose zwischen wienerischer Melodik, zeitgemäßem Groove und einer gewissen Poesie im Text gelungen ist.“ Mit dieser Mischung feiern die Extremschrammeln in den exotischsten Weltgegenden Erfolge, von den Kapverdischen Inseln bis Waidhofen an der Ybbs. Neuwirth selbst sieht sich als Vertreter der neuen Weltmusik, er hat nichts dagegen, in die Nähe von Rembetiko und Fado, aber auch des neuerdings so modisch gewordenen Kubafolks gerückt zu werden. Allerdings: „I renn net absichtlich ins Volk, um mich inspirieren zu lassen, meine Lieder entstehen eigentlich mehr im Kammerl - quasi in Einzelhaft.“

In seinem Bauernhof im Waldviertel findet Neuwirth die nötige Ruhe zum Komponieren. Vor zehn Jahren hat er sich gemeinsam mit seiner zweiten Frau das Anwesen in einem 80-Seelen-Nest gekauft, damals war das ganze nicht mehr als eine Ruine. Jahrelang hat das Ehepaar Neuwirh an der Immobilie herumrenoviert, mit Erfolg. Um den Innenhof gruppieren sich liebevoll restaurierte Gebäude, eins davon sogar mit einer amerikanischen Südstaaten-Terrasse samt Schaukelstuhl. Da hockt der Meister abends manchmal und lauscht dem Zirpen der Grillen, dem Aufkeinem bisher unbekannter Musik in seinem Kopf.

„Bis zu meinem 23. Lebensjahr habe ich schwarze Musik gemacht“, erinnert sich Neuwirth, „ich habe Rock, Blues und Jazz gespielt und schlitterte dann in eine veritable Identitätskrise. Wir waren ja in unserer Generation Ende der 60er Jahre die ersten Hippies, hatten Haare bis zum Hintern und dachten, wir könnten die amerikanische Musik so mir nichts dir nichts nach Europa exportieren.“
Das war ein Irrtum. Man kann sich in Wien nicht einfach mit der Bronx identifizieren, und so hat Neuwirth 1974 begonnen, die amerikanischen Rhythmen mit den Klangtraditionen seiner Heimatstadt zu verschmelzen. Das Ergebnis: eine originelle Mischung aus Pop, Jazz, Blues und peppiger Schrammelmusik.

Zehn Alben haben Roland Neuwirth und seine Mitstreiter bisher veröffentlicht, dazu kommen Hunderte, wenn nicht Tausende von Auftritten in aller Herren Länder - keine schlechte Bilanz. In diesem Jahr feiert Roland Neuwirth seinen Fünfziger. „Darüber reden wir besser nicht“, wehrt er ab. Leisertreten will der langhaarige Wiener mit dem Zottelbart freilich auch in Zukunft nicht, „Vielleicht leb i no a Zeitl“, sagt er, „dann kann i no a paar Platten aufnehmen.“
Wir bitten darum!

(Eine Sammlung der wichtigsten Wienerlieder, hrsg. von R.J.L. Neuwirth, ist bei Zsolnay unter dem Titel „Das Wienerlied“ erschienen.)

Konzert mit Roland Neuwirth & Extremschrammeln am 26. März, 21.00 Uhr, im Theater im Schlachthof. Mit Roland J.L. Neuwirth (Text und Musik, Gesang und Kontragitarre), Doris Windhager (Überstimme), Walther Soyka (chrom. Knopfharmonika), Manfred Kammerhofer (Violine) und Tscho Theissing (Violine).

Karten im Vorverkauf über München Ticket zu DM 24.- zuzügl. Vorverkaufs- und Systemgebühr, Tel 54 81 81 81 und 765 448. An der Abendkasse zu DM 28.- (AK und Einlaß ab 19.00 Uhr).

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