Autorenportrait
Der Star des russischen
Kriminalromans

Zu Alexandra Marinina
Von Olga Mannheimer
 

Scharfsinnig, spröde, belesen, um Aussehen und Haushalt wenig besorgt - Anastasija Kamenskaja, das Superhirn der Moskauer Miliz, hat einiges mit ihrer Autorin gemeinsam, vor allem aber die kriminologische Erfahrung und das Interesse für die Rätsel der menschlichen Natur. Während die Karriere von Major Kamenskaja trotz glänzender Deduktionsarbeit bescheiden blieb, avancierte ihre Schöpferin unter dem Pseudonym Alexandra Marinina zur Kultfigur der russischen Krimiszene.
Verbrechensanalysen und Täterprofile waren das Spezialgebiet von Marina Anatoljewna Alexejewa, Oberstleutnant der Miliz, Jahrgang 1957. Als sie Mitte der neunziger Jahre zu schreiben begann, schuf die promovierte Juristin mit der beruflich so engagierten wie im Privatleben faulen Ermittlungsbeamtin eine überzeugende Meisterdetektivin, als Vorbild und Identifikationsfigur gleichermaßen geeignet. Korruption, Banditentum, Betrug, hemmungslose Gewalt – Anastasija bekämpft alle im postsowjetischen Staat sprießenden Verbrechen und schlägt sich zugleich mit Alltagsnöten herum, wie sie jeder russische Leser kennt: In der ersten auf Deutsch erschienenen Geschichte - „Auf fremdem Terrain“ - kann auch die Heldin ein Einzelzimmer im Sanatorium nur gegen Schmiergeld bekommen. Dabei herrschen eigentlich in dieser Stadt dank der lokalen Mafia vorbildliche Verhältnisse - bis das Sanatorium zur geheimen Produktionsstätte sadistischer Pornofilme wird. Von den örtlichen Behörden zurückgewiesen, enttarnt Anastasija eine auswärtige Killerbande im Auftrag des Mafiapaten. Im Gegenzug unterstützt er ihre Ermittlungen in „Der Rest war Schweigen“: Ein Zwischenfall in der überfüllten Moskauer Metro löst eine Reihe ominöser Ereignisse aus, die Anastasija auf die Spur eines illegalen Handels mit Kriegstechnologie führen. Moskau, Marininas Wohnort, ist auch Schauplatz des jüngst übersetzten Romans „Mit verdeckten Karten“, der an Wirtschaftskriminalität anknüpft und ein gefährliches Spiel zwischen Begehren, Mißtrauen und Abhängigkeit inszeniert.
Die Ex-Polizistin stammt aus einer Kriminalistenfamilie, blickt auf zwanzig Dienstjahre zurück und ist mit einem Polizeiausbilder verheiratet, der ihre Bücher auf kriminologische Genauigkeit hin prüft – kaum ein Krimiautor kann sich besserer Fachkompetenz rühmen. Doch Verbrechen oder spektakuläre Gewalt stehen nicht im Mittelpunkt von Marininas Romanen: „Mich interessieren seelische Prozesse und die Strukturen menschlicher Beziehungen“.
Anastasijas Recherchen, die auf die Lebensumstände und Charaktere der Verdächtigten zielen, liefern dem Leser eine Fülle knapper Milieustudien. Für die Spannung sorgt das Entwirren eines verhängnisvollen Beziehungsgeflechts, für Effekte das Aufdecken von Tatmotiven, die in menschliche Abgründe blicken lassen. Die Mischung aus treffender Alltagsbeschreibung, düsterem Rätsel, ungekünstelter Sprache und einfacher Psychologie löst beim Volk Begeisterung und bei der Intelligenzija Kopfschütteln aus. Beides nimmt Alexandra Marinina mit Gelassenheit auf: „Ich schreibe, was die Menschen lesen wollen.“ Sie sei das „Medium des russischen Massenbewußtseins“ wettert ein empörter Schriftsteller. „Marinina - Zarin des Kriminalromans“, jubeln die Medien. Eines steht fest: Mit 20 Thrillern, die zweistellige Millionenauflagen erreichen, ist sie in Rußland die meistgelesene Zeitgenossin. Ihre Kritiker bestreiten nicht diesen sensationellen Publikumserfolg – sie halten ihn der Autorin vor. Vielleicht weil er die Stimmungslage einer Gesellschaft spiegelt, die den Begriff „organisiert“ nur noch mit „Verbrechen“ in Verbindung bringt?
(Die Romane von Alexandra Marinina sind im Argon Verlag erschienen. Der erste wurde von Thomas Wiedling und Felix Eder übersetzt, die anderen von Natascha Wodin)

Veranstaltungen mit Alexandra Marinina:
Lesung und Gespräch am 16.3. in der Seidlvilla (Moderation: Olga Mannheimer), Teilnahme am Podium „Tatort Stadt“ am 17.3. im Literaturhaus

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