Autorenportrait

Foto: Jürgen Dietrich

Erzählen, erinnern
Zu Elias Khoury
Von Leila Chammaa

 

Elias Khoury hat sich in seinem literarischen Werk der Stadt Beirut verschrieben. Schauplatz seiner Romane ist stets Beirut, das er aber nicht nur als einen Lebensort begreift, sondern eher als ein Lebewesen mit einer Geschichte und einem Gedächtnis. Beirut, eine kosmopolitische Stadt, in der Menschen verschiedener Sprachen, Ethnien und Religionen zusammenleben, läuft in seinen Augen durch den langjährigen Bürgerkrieg Gefahr, ihr Gedächtnis zu verlieren. Khourys Weg, dem Krieg, der Zerstörung und so auch dem Verlust des Gedächtnisses etwas entgegenzusetzen, ist das Erzählen. Erzählen hat für den Autor die Bedeutung, sich zu erinnern und das soziale Gedächtnis wiederzubeleben, es dient somit einer Bewältigung der Vergangenheit, letztlich aber auch der Gegenwart.
Elias Khoury erzählt die Geschichten kleiner Leute und gebrochener Menschen. Im „Königreich der Fremdlinge“ sind alle Figuren Fremdlinge; sie sind Flüchtlinge, Vertriebene, Verschleppte, Exilierte, Emigrierte oder Konvertierte. Khourys Romane kennen keine Haupt- und Nebenrollen, alle Personen sind Hauptdarsteller, und zwar die ihres eigenen Lebens.
In seinem Erzählstil folgt der Autor der klassischen arabischen Erzähltradition, bei der mehrere Handlungsstränge nebeneinander bestehen und ineinander verschlungen sind. So fügt Khoury in der ihm eigenen Montagetechnik Fragmente der Lebens-Geschichten seiner Romanfiguren zusammen, deren Schicksale mit- und ineinander verwoben sind. Auf faszinierende Weise verknüpft er die persönliche Geschichte seiner Darsteller mit dem politischen und sozialen Geschehen des Libanon, so daß er nicht nur individuelle Lebensgeschichten beschreibt, sondern sein Personal zu einem lebendigen Teil der Zeitgeschichte wird. Wie kein anderer libanesischer Autor stellt er eine Verbindung zwischen Historie und Gegenwart her.
Khoury versteht sich meisterhaft darauf, die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnertem und Erzähltem, zwischen Realität und Phantasie, Wahrheit und Fiktion zu verwischen. Seine Romane, Irrgärten von Geschichten, Lebens-Geschichten und Mythen, spiegeln nicht nur die Vielschichtigkeit und Gleichzeitigkeit des Lebens in der Großstadt wider, sondern erwachen im Erzählen selbst zu Schauplätzen des Lebens.

Elias Khoury, 1948 in Beirut geboren, zählt zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren des Libanon und der arabischen Welt. Daneben ist er Herausgeber der Kulturbeilage der renommierten libanesischen Tageszeitung an-Nahar und ein für sein kritisches Bewußtsein bekannter Publizist und Feuilletonist. Khoury, für den Kultur und Politik nicht zu trennen sind, setzt sich für eine selbst- und gesellschaftskritische Reflexion der libanesischen Bürgerkriegsvergangenheit und Nachkriegsgegenwart ein. Im Rahmen seiner journalistischen und politischen Aktivitäten stellt er sich den aktuellen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen, wie beispielsweise der Debatte um die Meinungs- und Pressefreiheit. Außerdem engagiert er sich u.a. durch Publikationen und als Veranstalter von Symposien für die Fragen der Palästinenser.
Elias Khoury hat acht Romane verfaßt, die zum großen Teil ins Englische und Französische übersetzt worden sind. Auf Deutsch liegt sein Roman „Königreich der Fremdlinge“ vor (Das Arabische Buch 1998, Ü. Leila Chammaa). Die Übersetzung eines weiteren Romans ist für Herbst 2000 beim Verlag C.H. Beck angekündigt.

Veranstaltungen mit Elias Khoury:
Teilnahme an der Podiumsdiskussion „Brennpunkt Stadt“ am 20.3. im Literaturhaus, Stadtführung am 22.3., Lesung und Gespräch am 23.3. in der Arabischen Buchhandlung (Moderation: Wilhelm Warning)

Veranstalter Kunst/Neue Medien/Architektur Konzert Ausstellungen Filmprogramm Kinderprogramm Veranstaltungsreihe "Ortszeit" Lesungen Podiumsgespräche/Vorträge Kalendarium Autoren/Teilnehmer Einführung home