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Die verlegerische
Vorgeschichte ist fast so spannend wie die Erzählung selbst. Ein
junger Journalist aus Neu-Delhi schickt dem Entdecker von
Arundhati Roy, Pankaj Mishra, sechs Kurzgeschichten zur Begutachtung.
Per e-mail rät dieser dazu, die Stories zu einem Roman zu verflechten.
Kurz darauf erhält der Journalist auf Grundlage der ersten 30 Seiten
einen Vertrag mit einem führenden englischen Verlag und einen Vorschuß
von etwa einer halben Million Mark. Später folgen Übersetzungen
in die meisten europäischen Sprachen. Indien hat einen weiteren literarischen
Star hervorgebracht: Raj Kamal Jha.
Die Ausgangssituation seines Erstlings ist faszinierend (The Blue
Bedspread, dt. Das blaue Tuch, Goldmann 2000, aus dem
Englischen von Annette Meyer-Prien): Der Erzähler, ein namenloser
Junggeselle mittleren Alters, schreibt eine Nacht lang Geschichten auf,
während im Nachbarzimmer ein Neugeborenes sanft auf einem blauen
Bettüberzug schläft. Das Kind soll am nächsten Morgen von
einem unbekannten Paar adoptiert werden. Der Erzähler, Bruder der
bei der Geburt verstorbenen Mutter, möchte der Kleinen gleichsam
als bleibende Erinnerung an ihre Herkunft die Geschichte der Familie mitgeben.
In elliptischen Episoden von mysteriöser Klarheit offenbart sich
eine Kindheit voller meist unerfüllter Sehnsüchte und inzestuöser
Mißhandlungen, eine Kindheit, in der die beiden Geschwister nur
zeitweise ein Refugium unter dem blauen Bettüberzug finden. Eine
Vielzahl intimer Beziehungen, allesamt gebrochen und zum Scheitern verurteilt,
lassen glauben, daß Liebe manchmal möglich ist, eine erfüllte,
schuldlose Sexualität jedoch nie.
Die Vor- und Rückblenden sowie das stete Kreisen um einige wenige
Motive vermitteln dem Leser eine schlaflose Mattheit, wache Träume
der frühen Morgenstunden, und schaffen eine Atmosphäre der Intimität
mit diesem verletzten und trotzdem nicht verzweifelnden Erzähler.
Im ganzen Buch, eher eine Novelle als ein Roman, dominiert Stille; die
Stille eines spätnächtlichen Kalkuttas als auch die Stille einer
Einkehr in die Tiefen der eigenen Biografie. Oft werden die Erinnerungen
so sanft schraffiert, daß sie sich kaum haben sie sich eingestellt
zu verflüchtigen scheinen.
Jhas große Stärke ist die Miniatur, die kleinen, fein gearbeiteten
Schmuckstücke, die jedem indischen Juwelier zu Ehre gereichen würden.
Er kommt mit wenigen Bildern aus, die er leise variiert: Taubenkäfige,
Mülltonnen, Waschbecken und Haarbüschel. Solche städtischen
Motive müssen viel Symbolik aushalten, was vielleicht nicht jedermanns
Geschmack sein dürfte. Das ähnelt, wie er selber sagt, einem
Photoalbum mit verblichenen Bildern.
Wie alle
auf Englisch schreibenden Inder gehört Jha mit einem Ingenieursdiplom
von der renommierten IIT sowie einem Auslandsstudium (Journalistik in
Kalifornien) einer kleinen Bildungselite von etwa fünf Prozent der
Bevölkerung an. Trotzdem ist er sprachlich nicht im Englischen verwurzelt.
Wir haben zu Hause nie Englisch gesprochen. Mit meiner Frau unterhalte
ich mich auf Bengali. Aber um mich herum passiert so viel auf Englisch.
Deswegen habe er Englisch als sein Ausdrucksmittel gewählt. Den größten
Einfluß auf sein Schreiben gesteht er seiner Berufserfahrung als
Redakteur zweier führenden Tageszeitungen zu: Der Journalismus
hat mich gelehrt, daß der Leser nur über eine kurze Aufmerksamkeitsspanne
verfügt. Man muß das Wesentliche in so wenige Wörtern
wie nur möglich ausdrücken. Das ist ihm mit seinem Roman
gelungen.
Veranstaltungen
mit Raj Kamal Jha:
Stadtführung am 18.3., Teilnahme am Podiumsgespräch Fluchtpunkt
Stadt/Stadtflucht am 19.3. im Literaturhaus, Lesung und
Gespräch am 20.3. in der Autorenbuchhandlung (Moderation: Stefanie
Schild). Mitv.: Goldmann Verlag München
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