Autorenportrait
Die dunkle Seite der Seele
Zu Mo Hayder
Von Sylvia Schütz
Foto:
Jerry Bauer

London im Mai. Auf einem einsamen Brachland, unweit des Millennium Dome, werden an einem einzigen Tag die Leichen von fünf Frauen gefunden. Grausame Verstümmelungen sowie die Spuren einer Vergewaltigung deuten auf die Tat eines Serienmörders hin - der Alptraum aller Ermittlungsbeamten. Die Obduktion ergibt, daß es sich bei den Opfern um drogensüchtige Prostituierte handelt, weshalb sofort ein schwarzer Dealer zum Hauptverdächtigen erklärt wird. Doch da ist noch eine Gemeinsamkeit: Allen Frauen wurde ein lebender Vogel in den Brustkorb, direkt neben das Herz genäht. Den „Vogelmann“ nennen der ermittelnde Detective Inspector Jack Caffery und seine Kollegen den Täter wegen dieser entsetzlichen Obsession. Und zumindest für Jack Caffery steht fest: Der Mörder ist nicht nur weiß und sexuell pervers, sondern er verfügt zudem über medizinisch-anatomische Grundkenntnisse und sucht sich - die zeitlichen Abstände des Todeseintritts legen dies nahe - im Moment gerade sein nächstes Opfer.
„Der Vogelmann“ (Goldmann 2000, Ü: Angelika Felenda) ist das Debütwerk der jungen Engländerin Mo Hayder, ein düsterer, verstörender Roman in der Tradition von Thomas Harris und Patricia Cornwell. Um größtmögliche Authentizität zu erzielen, liess sie dem Schreiben intensive Recherchen vorausgehen, unter anderem bei der Sonderabteilung AMIP der Londoner Polizei. Sie selbst urteilt über ihr Buch: „Ja, es ist schon schockierend - aber es ist nichts im Vergleich zu den tatsächlichen Verbrechen, mit denen ich mich beschäftigt habe“. Und doch fragt man sich, was treibt diese Autorin dazu, sich derart leidenschaftlich mit der Welt sexuell kranker Killer auseinanderzusetzen? Mo Hayder hat in ihrem Leben noch nie den bequemen Weg gewählt. Mit 15 Jahren verließ sie ihr Zuhause. Die Welt ihrer Eltern, beide Akademiker, wirkte auf sie so verstaubt wie unwirklich. In den Straßen Londons, unter Prostituierten, Drogenhändler und Stripperinnen scheint sie das eigentliche Leben zu finden. Als in ihrer näheren Umgebung ein blutiger Ritualmord geschieht, hat das noch keine tieferen psychischen Folgen für Mo Hayder. Erst später, in Tokio, nach der Flucht aus einer kurzen Ehe, sollte die ganze Wucht dieser Erfahrung zu Tage treten. Ausgelöst durch die brutale Vergewaltigung einer Kollegin in dem Nachtclub, in dem sie zeitweilig als Hostess ihr Geld verdiente: „Ich war wie besessen von der Frage, was der Vergewaltiger wohl dachte - warum er es wohl getan hatte, was es ihm gab.“ Die Erforschung der dunklen Seite der Seele ließ Mo Hayder seitdem nicht mehr los. Eine zeitlang bereiste sie Asien, studierte dann an einer Filmhochschule in Amerika und wurde eine erfolgreiche Trickfilmerin. Auch dort bleibt der Horror ihr Thema - am Ende fliegen dem Zuschauer meist sämtliche Eingeweide ihrer niedlichen kleinen Lehmfiguren entgegen.
Trotz ihrer Erfolge kehrte sie nach London zurück. Ein Job bei einem Sicherheitsunternehmen sorgte für die finanzielle Grundlage, um am „Vogelmann“ zu arbeiten. Das Schreiben geriet zur Konfrontations-Therapie: In der Vergegenwärtigung der verborgensten Ängste und Phantasien sieht Mo Hayder eine Chance, diese zu überwinden.

Mo Hayder nimmt am Podium „Tatort Stadt“ am 17.3. im Literaturhaus teil.

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