|
London im
Mai. Auf einem einsamen Brachland, unweit des Millennium Dome, werden
an einem einzigen Tag die Leichen von fünf Frauen gefunden. Grausame
Verstümmelungen sowie die Spuren einer Vergewaltigung deuten auf
die Tat eines Serienmörders hin - der Alptraum aller Ermittlungsbeamten.
Die Obduktion ergibt, daß es sich bei den Opfern um drogensüchtige
Prostituierte handelt, weshalb sofort ein schwarzer Dealer zum Hauptverdächtigen
erklärt wird. Doch da ist noch eine Gemeinsamkeit: Allen Frauen wurde
ein lebender Vogel in den Brustkorb, direkt neben das Herz genäht.
Den Vogelmann nennen der ermittelnde Detective Inspector Jack
Caffery und seine Kollegen den Täter wegen dieser entsetzlichen Obsession.
Und zumindest für Jack Caffery steht fest: Der Mörder ist nicht
nur weiß und sexuell pervers, sondern er verfügt zudem über
medizinisch-anatomische Grundkenntnisse und sucht sich - die zeitlichen
Abstände des Todeseintritts legen dies nahe - im Moment gerade sein
nächstes Opfer.
Der Vogelmann (Goldmann 2000, Ü: Angelika Felenda) ist
das Debütwerk der jungen Engländerin Mo Hayder, ein düsterer,
verstörender Roman in der Tradition von Thomas Harris und Patricia
Cornwell. Um größtmögliche Authentizität zu erzielen,
liess sie dem Schreiben intensive Recherchen vorausgehen, unter anderem
bei der Sonderabteilung AMIP der Londoner Polizei. Sie selbst urteilt
über ihr Buch: Ja, es ist schon schockierend - aber es ist
nichts im Vergleich zu den tatsächlichen Verbrechen, mit denen ich
mich beschäftigt habe. Und doch fragt man sich, was treibt
diese Autorin dazu, sich derart leidenschaftlich mit der Welt sexuell
kranker Killer auseinanderzusetzen? Mo Hayder hat in ihrem Leben noch
nie den bequemen Weg gewählt. Mit 15 Jahren verließ sie ihr
Zuhause. Die Welt ihrer Eltern, beide Akademiker, wirkte auf sie so verstaubt
wie unwirklich. In den Straßen Londons, unter Prostituierten, Drogenhändler
und Stripperinnen scheint sie das eigentliche Leben zu finden. Als in
ihrer näheren Umgebung ein blutiger Ritualmord geschieht, hat das
noch keine tieferen psychischen Folgen für Mo Hayder. Erst später,
in Tokio, nach der Flucht aus einer kurzen Ehe, sollte die ganze Wucht
dieser Erfahrung zu Tage treten. Ausgelöst durch die brutale Vergewaltigung
einer Kollegin in dem Nachtclub, in dem sie zeitweilig als Hostess ihr
Geld verdiente: Ich war wie besessen von der Frage, was der Vergewaltiger
wohl dachte - warum er es wohl getan hatte, was es ihm gab. Die
Erforschung der dunklen Seite der Seele ließ Mo Hayder seitdem nicht
mehr los. Eine zeitlang bereiste sie Asien, studierte dann an einer Filmhochschule
in Amerika und wurde eine erfolgreiche Trickfilmerin. Auch dort bleibt
der Horror ihr Thema - am Ende fliegen dem Zuschauer meist sämtliche
Eingeweide ihrer niedlichen kleinen Lehmfiguren entgegen.
Trotz ihrer Erfolge kehrte sie nach London zurück. Ein Job bei einem
Sicherheitsunternehmen sorgte für die finanzielle Grundlage, um am
Vogelmann zu arbeiten. Das Schreiben geriet zur Konfrontations-Therapie:
In der Vergegenwärtigung der verborgensten Ängste und Phantasien
sieht Mo Hayder eine Chance, diese zu überwinden.
Mo Hayder
nimmt am Podium Tatort Stadt
am 17.3. im Literaturhaus teil.
|