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Mit 14 hatte
Nik Cohn seine erste Begegnung mit dem, was sich wenig später zu
einer Kulturrevolution entwickelte: Aus den geöffneten Fenstern einer
Hafenkneipe in Londonderry drang RocknRoll, und drinnen waren
grell geschminkte Frauen mit roten Röcken und verwegene, nach Motorenöl
riechende Männer in Lederjacken - Verlierer, die mit dieser Musik
wenigstens zeitweise zu Helden ihrer Träume werden konnten. Nik Cohn
tauchte ein in diese Welt, warf die Schule hin, ging nach London und schrieb
ein Buch über die Musikszene: Market.
Als in den späten sechziger Jahren der zweite Treibsatz des Rock
gezündet wurde, zog Nik Cohn sich in ein Landhaus in Irland zurück
und schrieb innerhalb weniger Wochen Awopbopaloobop Alopbamboom,
die erste Geschichte der Rockmusik. Er war 22 und entschlossen, auf der
wild side zu bleiben und seinen Beitrag zur Popkultur schreibend zu leisten.
Und er hatte Erfolg. Arfur, die Geschichte einer Flipperkönigin,
wurde von The Who zu der Rockoper Tommy umgesetzt, und die
Filmrechte an seiner Reportage über die Diskothekenszene von Brooklyn
waren einen Tag nach dem Erscheinen verkauft. Nik Cohn hatte die Vorlage
zu einem der größten Filmerfolge der siebziger Jahre geliefert:
Saturday Night Fever.
Seine Essays und Reportagen gehören mittlerweile zum Kanon der Popkultur,
doch das Etikett des Chronisten im Sinn des new journalism, das ihm anhängt,
ist ihm manchmal lästig. Nik Cohn versteht sich als Schriftsteller.
Er ist ein hervorragender Beobachter und großartiger Geschichtenerzähler,
und vor allem ist er ein guter Zuhörer. Die Personen, die er schildert
und die sein New York bevölkern, existieren wirklich, sie haben ihm
ihre Geschichte (oder einen Teil davon) erzählt, und er setzt diese
Geschichte in eine Prosa um, in der die Spannung und der Rhythmus der
lebendigen, gesprochenen Sprache auf einzigartige Weise erhalten bleiben:
Da stimmt jedes Wort. Es geht nicht darum, alles mitzuschreiben,
sagt er. Wenn ich Menschen beschreibe, ist das Wichtigste die Stimmung,
die Atmosphäre, der spirit. So sind seine beiden Bücher
Das Herz der Welt und Yes We Have No Bananas klassische
Reiseliteratur mit romanhaften Zügen, und sein Roman Manhattan
Babylon wirkt stellenweise so unmittelbar und präzise wie eine
Reportage. Cohn ist ein Grenzgänger zwischen den literarischen Genres,
der das Authentische mit dem Erfundenen verbindet und das Tempo und die
verschiedenen Stimmen seiner Personen jederzeit beherrscht.
Und er ist ein scharfsichtiger Romantiker, dessen Interesse noch immer
den Verlierern, den Verlorenen der Gesellschaft gilt. Seine Figuren stehen
am Rand, es sind vom Leben gebeutelte, skurrile, manchmal verrückte
Menschen, die sich trotz widriger Umstände ihre Würde und meist
auch einen Funken Hoffnung bewahrt haben. Er schildert sie und lässt
sie lebendig werden. Er nähert sich ihnen, ohne ihre Würde zu
beschädigen, er beobachtet, ohne zu verurteilen, er nimmt Anteil,
ohne in billiges Mitleid abzugleiten. Wie kaum ein Zweiter versteht es
Cohn, diese Gestrandeten zu beschreiben, die es allen Hindernissen zum
Trotz nicht aufgegeben haben, daran zu glauben, dass sie doch noch zu
Helden ihrer Träume werden.
(Die beiden Romane Das Herz der Welt und Manhattan Babylon
sind 1992 und 1999 im Hanser Verlag in der Übersetzung von Dirk van
Gunsteren bzw. Eike Schönfeld erschienen.)
Veranstaltungen
mit Nik Cohn:
Teilnahme an den Podien Die erzählte
Stadt am 15.3 im Muffatcafé und Stadtwelten
am 16.3. im Kunstpark Ost. Stadtführung am 19.3., Filmvorführung
Saturday Night Fever
mit dem Autor am 20.3.
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