|
"Ich
schreibe seit meiner Kindheit. Mir gefiel die Sprache, und ich erfand
gern Geschichten. Ich bin in großer Armut und Einsamkeit aufgewachsen,
und so vertrieb ich mir die Zeit mit dem Schreiben und erfand mir eine
eigene Welt."
Mit zwanzig Jahren verläßt Ignácio de Loyola Brandão,
Jahrgang 1936, Sohn eines Eisenbahners, sein Zuhause im Landesinnern und
zieht in die Megalopolis São Paulo. Mit siebzehn hatte er schon
für die Lokalpresse zu schreiben begonnen. Nun wird er Journalist
in der Millionenstadt, die bis heute sein Wohnort und sein Thema geblieben
ist. Er war Chefredakteur und Mitarbeiter verschiedener namhafter Zeitungen
und Zeitschriften. Sein erstes Buch, ein Band mit Erzählungen, erschien,
als er knapp dreißig war, kurz darauf der erste Roman, der später
verfilmt wurde, Bebel, von der Stadt verschlungen.
International bekannt wurde Loyola Brandão mit dem von der Zensur
seines Landes zunächst verbotenen und darauf in Italien veröffentlichten
Roman Null (Suhrkamp 1979, Ü: Curt Meyer-Clason). Wohl
kaum ein anderes Werk der neueren brasilianischen Literatur erfaßt
das Chaos der Großstadt sprachlich, erzähltechnisch und auch
von der graphischen Gestaltung her so konsequent. Null war
während der schwärzesten Jahre der Militärdiktatur entstanden,
wurde in mehrere Sprachen übersetzt und ist inzwischen ein Klassiker
der brasilianischen Großstadtliteratur. "Null", so Jörg
Drews damals in der SZ, "das ist der Wert aller Menschen, die nicht
in die oberen Schichten geboren werden, der Wert, auf den eine Militärdiktatur
alle herunterbringt, die sie mit Propaganda behämmert, mit Slogans
der Konsumwerbung verdummt, bürokratisch schikaniert, bei Versammlungen
auseinanderprügelt, bespitzelt und von Spezialkommandos foltern und
erschießen läßt /.../ aber auch die Nichtigkeit und Ausweglosigkeit
einer politischen Lage..."
Bis heute sind 21 Titel des Autors erschienen, Romane, Erzählungen,
Reiseberichte.
Als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD lebte Loyola Brandão
1981/82 anderthalb Jahre in Berlin als ein aufmerksamer Beobachter deutscher
Eigenheiten. Dem Gastland hielt er in dem Werk Grün hat die
Mauer vergewaltigt einen bisweilen ironischen, bisweilen erstaunten
(und bis heute nicht ins Deutsche übersetzten) Spiegel vor. Die widersprüchlichen
Eindrücke und Erlebnisse seines Deutschlandaufenthaltes sind auch
in späteren Werken erkennbar.
1981 erschien ein Roman, der sich wie eine Fortsetzung von Null
liest, eine Projektion in die Zukunft, Kein Land wie dieses,
Untertitel: Aufzeichnungen aus der Zukunft. (Suhrkamp 1986,
Ü: Ray-Güde Mertin): São Paulo nach dem Jahr 2000, sechzig
Millionen Menschen sind in der Stadt zusammengepfercht, rundherum ist
alles ausgetrocknet. Die Natur wird durch chemische Produkte ersetzt.
"Militechner" und "Ziviltäre" überwachen
die Menschen bis in ihr Privatleben hinein, über allem steht unsichtbar
"Das System".
Die Schreckensvision von einem verdorrten Land, einer bis ins Kleinste
reglementierten Gesellschaft, ist der Wirklichkeit vielleicht näher,
als der Leser dies wahrhaben möchte. Und nicht weit ist es von den
Vögeln, die vergiftet an unseren Küsten sterben, zu den Staubvögeln
in Kein Land wie dieses, dem bisher meistverkauften Roman
des Autors (fast eine halbe Million Exemplare in Brasilien und in mehrere
Sprachen übersetzt).
Der Junge
aus dem Landesinnern machte sich in São Paulo einen Namen als kritischer
Journalist und Autor. Er setzte sich offen mit dem Militärregime
auseinander und erhielt im In- und Ausland verschiedene Auszeichnungen.
Nach einer zehnjährigen Pause in den achtziger Jahren, die er als
freier Schriftsteller überlebte, nahm er 1990 wieder eine feste Stelle
als Journalist an. Heute ist er Chefredakteur der Zeitschrift VOGUE und
schreibt regelmäßig für die große Tageszeitung O
Estado de S.Paulo. Loyola Brandão hat diesen Beruf immer mit Leidenschaft
ausgeübt. Durch seine Arbeit lernte er viele Gegenden und Menschen
kennen, und so fand er den Stoff und die Figuren für seine Erzählungen
und Romane. Er ist ein Autor der Großstadt in einem Land, in dem
bereits drei Viertel der Bevölkerung in Städten leben. Ländliche
Literatur, so der Autor, gehöre der Vergangenheit an.
"Schreiben ist für mich ein Vergnügen, eine Freude, ein
Traum." Doch um schreiben zu können, braucht er seine Protagonistin:
die Megalopolis São Paulo, den Lärm, das Verkehrschaos, die
Menschenmengen in den Hochhausschluchten, die sich endlos über die
Hügel erstreckenden Arbeiterviertel an der Peripherie.
Lesung und Gespräch mit Ignácio de Loyola Brandão
am 15.3. im Instituto Cervantes (Moderation: Ray-Güde Mertin), Teilnahme
am Podiumsgespräch Stadtwelten
am 16.3. im Kunstpark Ost/Werkbar.
|