Autorenportrait
Architekt einer idealen Stadt
Zu Bogdan Bogdanovic

Von Igor Lasic

"Ich werde nie mehr nach Belgrad zurückkehren. Die Stadt, die die meine war, existiert nicht mehr, und was jetzt an ihrer Stelle ist, ist mir widerwärtig." In den letzten Jahren fanden sich tausende Bewohner des früheren Jugoslawien in ähnlich verzweifelter Lage. Doch im Fall von Bogdan Bogdanovic sind diese Worte von kardinaler Bedeutung. Der multidisziplinäre "Architekt einer idealen Stadt" lebt seit 1991 nicht mehr in Belgrad, dem er sein ganzes Leben gewidmet hat, sondern im Exil. Seine Bücher sind in den wenigen und verarmten Bibliotheken der Länder des früheren Jugoslawiens verstreut. Seine Skulpturen fristen ein Dasein unter dem ideologischen Müll der Gegenwart, im Zeichen des allgemein befohlenen Vergessens: in verkommenen Parkanlagen, die gestern noch Gedenkstätten waren.
„Der kleine Urbanismus“, „Vergebliches Bauen“, „Urbs und Logos“, „Die Stadt und der Tod“ - das sind nur einige der vielen Bücher, in denen Bogdan Bogdanovic seit 40 Jahren seine wissenschaftlichen und oft hochpoetischen Essays über die Philosophie des Bauens, den Städtebau, die Literatur, die Politik und die Soziologie des Städtischen veröffentlichte.
Grundlegenden Einfluß auf junge Architekten und Urbanisten hatte Bogdanovic an der Universität, aber auch mit seinem faszinierenden offenen Atelier im Dorf Popovici bei Belgrad. Dort hieß es: weg von kleinlichen Bildungsschablonen, hin zu einer Welt der individuellen architektonischen Sinngebung und Kultivierung des Raums; und das in einer Zeit, als der kollektivistische Geist des Sozialistischen Realismus an der Tagesordnung war. Die Schriften und Taten von Bogdanovic waren also eine Art erster Dekontaminierung.
Den aktiven und permanenten Diskurs mit dem Sozialistischen Realismus bestritt Bogdan Bogdanovic vor allem durch seine bekannten, dem Zweiten Weltkrieg gewidmeten Memorial-Plastiken. Er baute sie überall in Jugoslawien, von Belgrad bis Mostar, und kämpfte damit gegen die eindimensionale und aggressive Art politischer Auftragskunst. Das vergleichsweise liberale sozialistische Jugoslawien der 60er und 70er Jahre bot den nötigen Rahmen. Mit originellen, beeindruckenden Raumkompositionen trug Bogdanovic eine befreite und humanistische Dimension in die sozialistische Welt. Erwähnt sei nur die monumentale "Steinerne Blume" am Ort des Ustascha-Vernichtungslagers in Jasenovac. "Irgendwie ahnte ich, dass sie zerstört wird", sagte Bogdanovic kürzlich. Ein schlimmes Schicksal ereilte sein Werk, ein Geschick, das sich sogar der ehemalige Surrealist Bogdanovic nicht vorgestellt hatte. Unter der "Steinernen Blume" wollte der kroatische Präsident Franjo Tudjman zu den Gräbern der Holocaust-Opfer ihre Henker betten - als nationales "Versöhnungs"-Memorial nach dem Vorbild Francos. Auf seinen Skulpturen in Serbien wurden traditionelle Symbole angebracht, im Sinne des neuerwachten Nationalismus. Dabei hatte Bogdanovic sie eindeutig Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Konfessionen und politischer Anschauungen gewidmet.
Bogdanovic forschte und polemisierte auf dem Gebiet des Bauens und des Städtebaus und wurde dafür als Trotzkist, Skeptiker und Reaktionär denunziert.
Als Mitte der achtziger Jahre in der jugoslawischen Gesellschaft für kurze Zeit Liberalismus und Demokratie die Oberhand gewannen, wurde Bogdanovic Oberbürgermeister von Belgrad. Aber die Zeit reichte nicht für sein Unterfangen, das eigene Lebensumfeld zu zivilisieren. Im Gegenteil, das grösste Bauvorhaben der Stadt wurde vorangetrieben, der riesige und hässliche "Tempel des Heiligen Sava", ein Symbol des neuen alten Nationalismus. Bogdanovic bezeichnete es lakonisch als einen überdimensionalen Atombunker mitten in Belgrad. Wenige Jahre später, als 1991 die Kriege in Jugoslawien ausbrachen, sollte sich diese Metapher als erschreckende Prophezeiung erweisen. Doch in Bogdanovics Biographie erfolgte der Auftritt von Slobodan Milosevic schon Jahre zuvor. Der Architekt bezeichnete ihn bereits 1987 in aller Öffentlichkeit nicht als den Erretter des serbischen Volkes, sondern als einen, der dieses Volk ins Verderben führen wird. Den Krieg selbst wird Bogdanovic später in seinen Analysen auf eine einleuchtende Formel bringen: Es handele sich im Grunde um ebenso banale wie erbarmungslose Angriffe auf die Städte, auf die Stadt. "Und das ist alles", sagt er, und schreibt über die Kriege gegen Sarajewo, Vukovar, Dubrovnik, Mostar...
Als Anfang der neunziger Jahre auf seiner Haustür in grossen Buchstaben das Wort "Ustascha"/“Nazi“ erschien, verliess Bogdan Bogdanovic die Stadt, in der er siebzig Jahre lang gelebt hatte. Heute wohnt er in Wien - hauptsächlich wegen der Donau - und denkt nach, wie er in diese für ihn neue und andere Donaustadt seine Belgrader Bibliothek evakuieren könnte.
(Aus dem Serbischen von Nenad Popovic)
Von Bogdan Bogdanovic sind drei Essaybände im Wieser Verlag, Klagenfurt lieferbar. Die Erinnerungen des Autors unter dem Titel „Der verdammte Baumeister“ sind bei Zsolnay erschienen.

Veranstaltungen mit Bogdan Bogdanovic:
Teilnahme an den Podiumsdiskussionen „Brennpunkt Stadt“ am 20.3. im Literaturhaus und „Stadtansichten“ am 22.3. im Stadtmuseum.

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